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Von Wilhelm Müller. 395
ten. Nachdem York am Vormittag des 23. von der wüthenden Neiße bis Goldberg marſchirt war, mußte er am nämlichen Tag wieder an die Neiße zurückgehen; er äußerte ſich bitter darüber, daß das Oberkommando mit den Kräften, ja mit dem Leben der Menſchen geradezu„Kinderſpiel“ treibe. Langeron aber, der bei dem erſten Vorrücken Napoleons an eiligen Rückzug dachte und bis Schweidnitz zurückgehen wollte, bereitete Blücher noch größere Verlegenheiten. Auch er hatte an einem Tag den näm⸗ lichen Weg vorwärts und zurück gemacht, zu beidem nur durch Blüchers perſönliches Erſcheinen beſtimmt; als ihm dieſer aber befahl, in der Stel⸗ lung bei Hennersdorf zu verharren und durchaus nicht weiter zurückzu⸗ gehen, ſo erklärte er, er werde thun, was er könne, aber er finde ſich verpflichtet, unter Umſtänden ſeinen eigenen Anſichten zu folgen. Jetzt erſt bemerkte Blücher, daß ſein Unterfeldherr beſondere Inſtruktionen be⸗ kommen habe, und erkannte das ganze Mißliche ſeiner Stellung.
Nachdem die Truppen in der Nacht auf den 24. zum Theil unter ſtrömendem Regen bivouakirt hatten, wurde Morgens aufgebrochen und unter unabläſſigem Regen noch über Jauer hinaus zurückgegangen. Abends kam ein neuer Beſehl, daß man am andern Morgen, wenn bei Jauer drei Kanonenſchüſſe fallen, wieder vorwärts marſchiren müſſe. Da brach Yorks Ingrimm los. Er marſchirte zwar am 25. Auguſt bis Jauer, ging aber dort perſönlich zu Blücher und beſchwerte ſich über dieſe aufreibenden Märſche. Blücher fuhr heftig auf, York blieb auch nichts ſchuldig, und ſo kam es zu einem offenen Skandal, der um ſo peinlicher war, da er in Gegenwart einiger ruſſiſcher Generale ſtattfand, welche mit ſichtlichem Be⸗ hagen dieſe preußiſche Familienſcene mitanſahen. York kam ſo erbittert in ſein Quartier, daß er noch am nämlichen Abend an den König ſchrieb und ſeine Entlaſſung verlangte, wobei er unter anderem ſpöttiſch bemerkte: „Vielleicht iſt meine Einbildungskraft zu beſchränkt, um die genialen Ab⸗ ſichten, welche das Oberkommando des Generallieutenants von Blücher leiten, begreifen zu können.“
Das York'ſche Korps war allerdings, bevor noch eine Schlacht ge⸗ liefert war, in üblem Zuſtande. Drei Bataillone, welche bei dem letzten Nachtmarſch verloren gegangen waren, hatten ſich noch nicht wiedergefun⸗ den. Die Infanterie des Korps hatte in dieſen acht Tagen einen Verluſt von 5000 Mann, viermal Nachtmarſch, viermal Märſche, ohne daß die Truppen abgekocht, ſtets Bivouak in tief aufgeweichtem Boden. Mit der


