320 Ein fünfzigjähriges Menſchenräthſel. Von L. Frank.
Mann, und Hunderttauſende fallen unter dem Blutgerüſte, Millionen auf dem Schlachtgefilde, hingeopfert einer Idee vielleicht, oder je nachdem dem Selbſtzwecke, dem zwingenden Triebe eines Herrſchenden; die Blüte, die Kraft und Frucht der geſitteten Welt düngt den Boden, auf welchem ein Rieſe in die Höhe wächſ't. Gott oder Natur, es ſcheint ein Wille, ein Geſetz. Auch ihn, den armen Gelehrten, beherrſcht eine Idee, auch er hat einen Zweck, einen löblichen an ſich, durch den Einzelnen das Allge⸗ meine befruchtend; auch er glaubt an ſich und nur an ſich; ihn dürſtet nach verſagten Quellen, er ſieht ſie fließen, aber nicht für ihn.
Warum nicht für ihn? Ein müdes Auge zugedrückt, der Lauf der Natur um eine letzte Stunde abgekürzt, ohne Kampf und Qual, kein Klagelaut, kein thränendes Auge rings umher,— und der Born der Eingeweihten ſprudelt für ihn und durch ihn für die Welt. So hilft er ſich zu ſeiner weſentlichſten Exiſtenz; er thut es ohne Leidenſchaft, mit klarem Willen, nach dem Nechte der ſichtbaren Natur. Das Recht der unſichtbaren ereilt ihn; er hat es lebenslang erforſcht und niemals em— pfunden; es gilt ihm nicht, aber er weiß daß es gilt, wenn auch Einzelne es übertreten, die im Großen Helden und im Kleinen Verbrecher heißen. Auch er will gelten, will fortleben unter denen, die ihm ſind wie das Gras und die Blume des Feldes, gleich denen, mit denen, deren geiſtige Hinterlaſſenſchaft er gehegt. Die Natur bildete ihn zum Forſcher, das Schickſal zum Gottesforſcher. Er mußte bohren, gleichviel nach welchem Quell; aber einmal in den angebohrten Schacht vertieft, war es zu ſpät zur Umkehr. Ohne Maske iſt er heute ein Lügner und morgen ein Vergeſſener; mit der Maske Einer, an den man glaubt, ein Märtyrer, ein Unſterblicher. Die Larve paßt für ſeine Form, ſie drückt ihn nicht, verwächſ't mit ihm, wird eins mit ihm, ſeine zweite Natur nimmt er ſie mit in's Grab.
Alſo geſchah's,— oder auch anders. Wer folgt den Schlangen⸗ windungen einer Hirnesfaſer, die nicht aus der geheimen Werkſtatt der Gottes⸗ und Menſchenliebe ihre Säfte zieht? Sein Zweck ward erreicht, wenn auch in anderem Sinne, als den er erſtrebt: er hat ſeine Zeit über⸗ lebt, und welche Zeit! Nicht als eine Leuchte der Geiſter, aber als ein Trugbild, ein Geſpenſt der nächtlichen Natur, ein Menſch ohne Herz, ein unlösbares Seelenräthſel.


