Jahrgang 
3 (1863)
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318 Ein fünfzigjähriges Menſchenräthſel.

Phantaſie des Romantikers felber, die leichtflügige Novelliſtik iſt vor der Rechtfertigung dieſes Verbrechers ſcheu zurückgewichen. Der deutſche, condenſirte Eugen Aram hat keinen Verklärer gefunden. Nehmen wir ihn denn, wofür er galt; dann aber, ja dann erſt recht noch einmal die Frage: was war dieſer Mann, daß er ward, wofür er galt?

Ein Gottesläugner, vom Teufel einer ausſchließlichen Leidenſchaft berückt, alſo, im Volksmunde ausgedrückt und nach Volkes Weiſe, Ur⸗ ſache und Folge verwechſelnd, alſo lautet der erklärende Spruch, einmüthig wie der verdammende. Und gewiß, das ewige Weſen, das richtend zwiſchen Gut und Böſe im Herzen manches armen Grübelfängers fortgewirkt, wenn es auch längſt in ſeinem Hirne ſich umſchleiert, das ewige Weſen dieſer Verbrecher hat es nicht geſpürt. Er fühlte keinen Gott. Aber daß er ihn nicht gefühlt, deſſen Spur er lebenslang verfolgt, daß ihm die Stimme ſchwieg, die den verhärtetſten Verbrecher in Augenblicken, vielleicht erſt in den letzten, mahnend bedrängt! Darum ein Beſeſſener, darum be⸗ rückt, geblendet von einer dämoniſchen Gewalt, die als Sucht, als Krank⸗ heit, als Brunſt und Wahn, das urſprüngliche Ich wohl gar von der Verantwortung entbindet? Darum ein Monoman? Hat man dieſen Mann geſehen im Fieber der Luſt, wie er beim Anblick eines lockenden Gegenſtandes unwiderſtehlich die Hände nach ihm ſtreckt, und wäre es, um ſie in Blut getaucht zurückzuziehen? Seine Opfer, waren es Sammler, Hüter, Liebhaber gleich ihm ſelbſt, denen er den beneideten Schatz zu ent⸗ reißen zitterte? Schlug er zu im Rauſche der Wuth, mit von der Be⸗ gierde umnachtetem Gemüth, um nach vollbrachter Unthat ernüchtert, ver⸗ nichtet vor ſich ſelber zurückzuſchaudern? Die Annalen der Verbrecher zeigen uns derlei Exempel; nachtſchwärmende Dichter ſchwelgen in dieſem unheimlichen Gebiet. Der Pfarrer von Poſerna war der Herr, nicht der Narr ſeines Ich.

Betrachten wir dieſen Mann, wie er von fremder Wohlthat geſtützt, ſich in eine angemeſſene Sphäre erhebt, bis tief in das Mannesalter hinein von den Beſten ſeines Kreiſes anerkannt, von den einfältigen Herzen bewundert, von den natürlichſten Banden und Pflichten gefeſſelt wird, wie er ein prieſterliches Amt mit Anſehen bekleidet, Tag und Nacht über den ehrwürdigſten Urkurden brütet, ſich gefliſſentlich als einen Herold ſeines ewigen Herrn bekennt; und wie er dann von Pauſe zu Pauſe einem Raubthier gleich nach Beute wittert, in Nähe und Ferne umherſpürt, die Gelegenheit erſpäht, wie er ein wehrloſes Opfer beſchl eicht, es umgarnt,

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