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Von L. Frank. 317
macher, dem Würgengel der jüdiſchen Sage. Kein Wunder daher, daß jede der Gemeinden, in welcher er einſt gewirkt, ihm das Heimatrecht verweigerte. Gänzlich mittellos und verlaſſen, mußte der hochbetagte Mann in dem Landarmenhauſe zu Zeitz eine Zuflucht ſuchen.
Auch hier wie im Gefängniſſe lebte er ruhig, fleißig und ſelbſtbe⸗ gnügt, dankbar erfreut, wenn ſelten genug eine milde Seele ſich überwand, dem alten Verbrecher eine kleine körperliche Erquickung zu gewähren, mehr aber noch, wenn der Geiſtliche der Anſtalt oder ſonſt ein Gebildeter ſich in eine wiſſenſchaftliche Unterredung mit ihm einlaſſen wollte. Er berührte dann wohl auch ohne Scheu, ja mit einem gewiſſen Behagen, ſei es die Schuld, die er gebüßt, ſei es das Geſchick, das ihn betroffen. Er that es ſanftmüthig und gegenſtändlich, aus Thatſachen und Vernunft⸗ ſchlüſſen den Irrthum ſeiner Richter beweiſend. Nicht in einem einzigen unbewachten Augenblicke iſt aber auch jetzt, ſo nahe dem Grabesrande ein Krümmen der Gewiſſensqual, ein Herzſchlag der Jenſeitsangſt an ihm wahrgenommen worden.
Da die Unruhe und methodiſche Pünktlichkeit einer ſo weitläufigen Anſtalt ihn in ſeinen Arbeiten ſtörte, verſuchte er es noch kurze Zeit mit dem Einzelleben. Die Unterhaltungskoſten, welche ſeine letzte Pfarrge⸗ meinde entrichtete, fünfundzwanzig Thaler jährlich, waren ſeine einzige regelmäßige Rente; der Nebenerwerb durch ſchriftliche Arbeiten mag dürftig genug geweſen ſein. Der alte Mann ſchlich in's Freie, ſammelte wild⸗ wachſende Kräuter, kochte ſie eigenhändig in Waſſer und rühmte ihre nährenden Kräfte. Als er ſchwächer und ſchwächer ward, boten Bluts⸗ verwandte in der Mark, Schäfereiaufſeher wie ſeine Väter, ihm ein Aſtl, und ſo in ähnlicher Scene, wie da er aufgegangen, verglomm der letzte Lebensfunken.
Und nun zum Schluß die Frage: Was war dieſer Mann, der durch alle Proben von Schmach und Elend in ſo unerſchütterlichem Gleichmaße erfunden wurde? Ein Heuchler, ruchlos, gottverlaſſen, wie die Welt noch keinen geſehen? Ein Stoiker, wie lange Jahrhunderte keinen gleichen ge⸗ kannt, ein Streiter für ſeinen Herrn, der ſeine Ehre darin ſucht, um ver⸗ borgener Wohlthat willen zu dulden?
Die Stimme der Mitwelt hat keinen Augenblick über dieſe Annahme geſchwankt; nie iſt ein Angeklagter einmüthiger verurtheilt worden. Weib und Kind, Freunde und Bekannte, Hoch und Gering, ſeine geiſtlichen Brüder ſprachen das Schuldig über ihn lange vor dem erkennenden Richter; die


