316 Ein fünfzigjähriges Menſchenräthſel.
Mehr als ein Jahr,— und wir erinnern noch einmal, daß es das Jahr 1813 war!— war bis zu dem Tage dieſes geiſtlichen Gerichts unter einer immer wachſenden Spannung des Publikums dahingegangen. V Der Prozeß, im Sächſiſchen angebahnt, wurde nach Abtretung des Ephorie⸗ gebietes in Preußen weitergeführt, und ſo verwirrend erwies ſich die Unterſuchung, ſo peinlich wurde das Beweismaterial angehäuft und ge⸗ prüft, daß bis zum Urtheile letzter Inſtanz fernere zehn Jahre vorüber⸗ I ſchlichen. Trotz der hartnäckigſten Selbſtvertheidigung, trotz der gewandten ſeiner rechtskundigen Anwälte, trotz der pſychologiſchen Unerklärlichkeit lautete der zweimalige, einmüthige Endſpruch auf: Schuldig; ein Schuldig, das den Verurtheilten zwar nicht unter das Henkerbeil, aber vorausſicht⸗ lich bis zum Grabe in die Sträflingszelle führen ſollte. Und der fünfzigjährige Pfarrer von Poſerna hat dieſe Haft eines Vierteljahrhunderts verbüßt und überdauert. Sein Haar erbleichte während V derſelben, ſein Sinn blieb ungebeugt. Ohne Zeichen der Gewiſſensangſt, ohne Klage, ohne ein Wort der Erbitterung gegen das verurtheilende 6 Gericht oder die verdammende Welt, ohne Groll über den Abfall der
nächſten Blutsverwandten, ohne Verdächtigung eines andern, die einer grübelnden, ſchonungsloſen Natur ſo leicht gefallen ſein würde, erſchien ſein Betragen als Sträfling untadelhaft, wie das ſeines geiſtlichen und bürgerlichen Lebens vor jener verhängnißvollen Stunde erſchienen war. 5 44 Zwiſchen den beiden erſten Drittheilen ſeines Lebens und dem letzten lag 6 das Jahr 1813 gleich einem Alp. Still gefaßt und emſig verbrachte er 1 ſeine Tage mit mechaniſch ſchriftlichen Arbeiten, die man ihm auferlegt, oder über geiſtlichen Studien, die man ihm geſtattet hatte. Ein exege⸗ I tiſches Manuſcript über die Apocalypſe war das vornehmlichſte Reſultat 3 dieſer Studien. Als der Zeitpunkt ſeiner Freigebung heranrückte, flackerte jählings auf dem Schauplatze ſeiner Verbrechen die Erinnerung an den dämoniſchen Mann unter der Aſche der Jahre wieder auf. Ein Angſtfeuer durch⸗ ſchauerte die Gemüther, der Ruf:„Tinius kommt!“ wurde zum Sprich⸗ wort der Furcht, wie vordem„der Schwede kommt!“ geweſen.„Tinius!“ hieß das„böſe Ding“, das im Kinderſpiel noch unerwartet in der zwölften Stunde erſcheint. Man ſah ihn wieder wie einſt ſich hinter ſeinen hei⸗ ligen Folianten erheben, um mit Doſe und Hammer, einem hungernden Wehrwolf gleich, nach Beute auszuſchleichen. Den Greiſen ſträubte ſich das Haar, die alten Mütterchen verſchanzten ſich wie vor dem Garaus⸗


