Jahrgang 
3 (1863)
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250 Der Gutsaufſeher.

bildung zu arbeiten. Den Anlauf dazu hatte er ſchon in einer Zeit ge⸗ macht, als Martin und Dudley nach ihren Schulſtunden auf dem Felde herumliefen und den Arbeitern zuſahen; Ralph benützte dieſe Gelegenheit, ſich von ſeinem jungen Herrn unterweiſen zu laſſen, denn er ſowohl als ſeine Schweſter Martha, Dudley's Haushälterin, war ſchon auf dem Gut geboren.— Der junge Mann hatte Martha und ihrem Bruder im Ge⸗ ſindeflügel ein Zimmer zu ausſchließlicher Benützung eingeräumt, und hier pflegten die Geſchwiſter Abends nach Einbruch der Dunkelheit ſich aufzu⸗ halten, ſie mit Nähtereien, er aber an einem altmodiſchen, von ſeiner Mutter ererbten Pulte emſig mit Leſen und Schreiben beſchäftigt. Beide hatten in ihrem Aeußeren ſowohl, als in ihrem Weſen eine große Aehn⸗ lichkeit miteinander. Die bleiche, dunkle Geſichtsfarbe, die groben Züge, das ſchlichte, glatte, ſchwarze Haar und die tiefliegenden, grauen Augen bildeten den gemeinſamen Familienzug. Beide waren groß und ſchlank, beide ernſt und ſchweigſam, geordnet und ſyſtematiſch in ihren Gewohn⸗ heiten, beſtimmt und vorſichtig in ihren Reden. Bei den übrigen Dienſt⸗ boten ſtanden ſie nicht ſehr gut angeſchrieben; doch wurden ſie ſehr re⸗ ſpektirt, weil jedermann auf dem Gut wußte, daß es viel weniger auf ſich hatte, wenn man das Mißfallen des Herrn auf ſich zog, als wenn man den Aufſeher ſich ungeneigt machte. Dem Weſen nach Gebieter des geſammten Dienſtperſonals und mit unbeſchränkter Executivgewalt ausge⸗ rüſtet, bewegte ſich Ralph Purvis, der Gutsaufſeher, Tag für Tag, bald feſten, bald ſchleichenden Schrittes auf der Grey⸗Farm hin und her. Wohin auch der junge Gutsherr ging, fiel der Schatten ſeines vertrauten Dieners ihm auf den Pfad, und wenn er mit jemand ſprach oder Beſuch annahm, ſo war ſicherlich der Aufſeher um den Weg, um ſeine Worte zu belauſchen oder ſeine Blicke zu bewachen.

Die Einwohner von Olney begannen die Wahrnehmung zu machen, daß Dudley Carleon ſeit dem Septembermorgen, an welchem man ſeinen älteren Bruder begrub, von Monat zu Monat, von Woche zu Woche, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde ſich mehr verändert habe.

Wirklich war er ſehr blaß und mager geworden; auch zeigte er ſich

in ſeinem Benehmen reizbar und verſtimmt, im Umgang mit anderen un⸗ ſicher und zurückhaltend.„Es iſt wahrhaftig abgeſchmackt, ſich ſo um einen geſtorbenen Bruder zu grämen,“ ſagten die Männer.—„Er ſollte ſich nach jemand umſehen, der ſeinen Schmerz theilt— ſollte heirathen,“