244 Der Gutsaufſeher.
achten der Aerzte durch die feuchte, ſumpfige Oertlichkeit veranlaßt wurde. Die Krankheit hatte lange gedauert und zuletzt den ſchönen, athletiſchen⸗ jungen Mann aufgerieben. Er war nicht verheirathet geweſen, und es unterlag daher keinem Zweifel, daß das Erbe auf ſeinen einzigen Bruder übergehen werde. Seit hundertundzwanzig Jahren war das Gut, obſchon kein Fideicommiß, ſtets vom Vater auf den älteſten Sohn gekommen; auch lag von Martins Vater für den Fall, daß der junge Mann kinder⸗ los ſtürbe, keine teſtamentariſche Verfügung vor. Doch kannte man all⸗ gemein die aufrichtige Liebe, welche zwiſchen den beiden Brüdern beſtand, und man betrachtete die letztwilligen Beſtimmungen des Verſchiedenen nur als eine Formſache; ſie lauteten, wie man erwartet hatte.
„Ich, Martin Carleon, der ich zu dieſer Zeit geſunden Geiſtes, ob⸗ ſchon körperlich ſchwach und leidend bin, errichte hiermit mein Teſtament und vermache meinem geliebten Bruder Dudley Carleon alle die zur Grey⸗ Farm gehörigen Nutzungsgüter mit Haus und Wirthſchaftsgebäuden, Vieh, Farmgerätſchaften ꝛc.“ Es folgten dann noch einige kleine Legate, zum
Beiſpiel eine goldene Tabaksdoſe für ſeinen Onkel Richard Weſton, den
grauhaarigen Herrn, welcher beim Verleſen des Teſtaments anweſend war,
ſeine Uhr ſammt Kette, die er für eine junge Dame, mit welcher er ver⸗
lobt geweſen, beſtimmte, und einige Vermächtniſſe für die Dienſtboten.—
Während der Advokat die Urkunde verlas, richtete der junge Mann nie
den Kopf auf von der Kaminecke, auf der er ruhte; dies geſchah erſt nach Beendigung des Vortrags, als die Anweſenden ſich zum Aufbruch anſchickten, und auch dann that er es mit demſelben Geſichtsausdruck, der uns bereits an dem Kirchhofthor aufgefallen iſt— ein Ausdruck, der zu fragen ſchien:„Was verlangt man jetzt von mir?“
„Sie ſind ſehr gütig,“ ſtotterte er als Antwort auf die Troſtſprüche, die man an ihn richtete.„Ja, ich will mein Beſtes thun, dieſen Verluſt zu tragen.“ Er ſprach dieſe Worte wieder und wieder in einer verwirrten, hülfloſen Weiſe und ſtieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als ſich endlich die Thüre hinter den Leichengäſten ſchloß und er allein war mit ſeinem Onkel. Eine Weile blieb er ſtumm und bedeckte das Geſicht auf's neue mit den Händen, während der alte Mann von ſeinem Sitz aus ver⸗ ſtohlen nach ihm hinſah, als ſcheue er ſich faſt zu ſprechen. Doch end⸗ lich nahm der junge Mann einen plötzlichen Anlauf und ſagte:„Wiſſen Sie nicht, wie es mit Agnes Marlow ſteht? Iſt ſie ſehr bekümmert?“


