240 Ein fünfzigjähriges Menſchenräthſel. Von L. Frank.
verwickelten häuslichen Verhältniſſe äußerten ſich ſo wenig als ſeine öko⸗ nomiſchen Zuſtände in irgend einer Wirrniß. Der Aufwand für ſeine Bücherſammlung, die ſich auf ſechszig tauſend(2) Bände belaufen haben ſoll, und für welche die Leidenſchaft den beſcheidenen Landpfarrer bei lit⸗ terariſchen Nachläſſen und antiquariſchen Seltenheiten zum Mitbewerber gekrönter Häupter werden ließ, ſelber dieſer bedenkliche Aufwand wurde ohne Arg erklärt, da die Mäßigkeit des Mannes in allen übrigen Be⸗ dürfniſſen, die Einträglichkeit ſeiner Pfründe und die Wohlhabenheit der verſtorbenen wie der noch lebenden Ehefrau bekannt waren, auch ein vor⸗ nehmlich überſeeiſcher Tauſch⸗ und Bücherhandel manchen Vortheil ab⸗ werfen mochte..
Ein bleicher Mann, mit der gebeugten Haltung und dem geſenkten Blicke des Denkers, im weltlichen Verkehr, nicht mehr in der, zur Zeit unter ſeinen Amtsbrüdern noch häufigen pfarrmäßigen Tracht: Chormän⸗ telchen, Schuhen und Knieſtrümpfen, gepudert und baarhäuptig den flachen Hut unter dem Arm,— ſondern in glattſchwarzem, tief in die Stiru fallendem Haar und modiſcher, wenn auch dunkler, den geiſtlichen Stand
andeutender Kleidung, ſo begegnete man ihm fußwandernd auf der Straßel
nach den anſehnlicheren Nachbarſtädten, nach Leipzig vor allem, dem großen Bücherſtapelplatz. Wiſſenſchaftliche Verbindungen wurden dort angeſtrebt, ein weitläufiger Verkehr mit Antiquaren und Sammlern unterhalten, Um⸗ gang mit Gleichgeſinnten gepflogen, Magiſtern dem Namen nach, wenn mancher unter ihnen auch die brodloſe Kunſt gegen ein brodbringendes, bürgerliches Gewerbe vertauſcht haben mochte. Bei einem dieſer Zunft⸗ genoſſen, der eine Schenkwirthſchaft unterhielt, kehrte er ein und raſtete in ſeinem Hauſe, wenn ſeine Geſchäfte ihn über Nacht in dem fremden Orte feſthielten.
(Schluß folgt.)


