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238 Ein fünfzigjähriges Menſchenräthſel.
Sittenlehrer ſeiner Zeit in ſächſiſchen Landen gewirkt, um die Bedeutung dieſes Zeugniſſes zu verſtehen,— eines Dokuments, das freilich kommenden Gegnern die ſtärkſte Handhabe für den Vorwurf der Urtheilsloſigkeit und parteiiſcher Bevorzugung der Gelehrtheit auf Koſten des Charakters wer⸗ den ſollte.
Die Kinderzeit dieſes Muſterſchülers verlief in dem natur- und menſchenärmſten Theile des Churfürſtenthums, der flachen, ſandigen Nieder⸗ lauſitz, und er mag wohl manches Mal auf dürrer Haide ſeinem Vater die anvertrauten Schafherden haben hüten helfen. Nachdem er ſo weit gelangt, Seelen zu hüten, wurde er dahingegen in den romantiſchen thüringiſchen Winkel ſeines Vaterlandes berufen, unter einen auch armen Menſchenſchlag, aber kraftvoll an Leib und Seele, wie ihn das Leben in den Bergen zu erzeugen pflegt; und jetzt, im reifen Mannesalter, ſehen wir ihn in unſere geſunde wohlhäbige Saalebene verſetzt, deren unüber⸗ ſehbare Fruchtgebreite, jenſeits über altbekannten Salzquellen, diesſeits über neuentdeckten Kohlenlagern, durch die Kultur Schubarts von Kleefeld gefördert, mit Recht eine Vorrathskammer des Sachſenlandes genannt werden durften.
Wir bezweifeln indeſſen, daß der neue Pfarrer von Poſerna mit einem lebhaften Sinne für dieſen Wechſel der Scenerie begabt geweſen. Seine Neigung trieb ihn in die Tiefen einer anderen Offenbarung als die der Natur; als Buchgelehrter iſt er berühmt, als Buchſüchtiger ver⸗ urtheilt worden. Kurzum, er war ein Büchermenſch, ein Magiſter, wenn auch nicht in der Ausſchließlichkeit, daß die praktiſchen Seiten ſeines Amtes ihm dadurch verleidet oder entfremdet worden wären. Im Gegen⸗ theil, ſeine geiſtlichen Vorgeſetzten rühmten ihn auf das unzweideutigſte, anfänglich in ſeiner Lehrerthätigkeit an dem Gymnaſium in Schleuſingen, ſpäter als Seelſorger und Prediger in den beiden Pfarrſtellen, die er be⸗ kleidet; von nah und fern ſtrömten die Hörer zu ſeinen Kanzelvorträgen, die ſo wenig myſtiſch exaltirt als ſpitzfindig gelehrt oder ſeicht vernünf⸗ telnd, vielmehr volks⸗ und zeitgemäß in Reinhardiſchem Sinne eine ſittliche Belebung durch den Glauben zu erwecken ſtrebten. Die unge⸗ bildeten Pfarrkinder ſchätzten daher den gebildeten und ſeine Bildung nach ihrem Verſtändniß beſchränkenden Lehrer, wie vordem der Bildner den eifrigen Schüler geſchätzt.
In den reichlichen Freiſtunden aber, die einem Landgeiſtlichen zu


