Jahrgang 
3 (1863)
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232 Spätſommer in der Schweiz.

trat! Dort ſtehen zur Linken die ſavoyer Alpen wieder, himmelhoch, zerriſſen, ſchneegefurchten Hauptes, ſtill und feierlich ruhen ihnen zu Füßen Bonveret, Evian, Thonon; da im Seewinkel liegt Villeneuve, da tritt die Rhone in den See, träg, ſchlammig, trübe, ſumpfig, unfreundlich faſt ſcheint auch das Land her, aus dem ſie kommt, ein auffälliger Gegen⸗ ſatz zu dem blühenden Uferlande da zur Rechten. Sieben größere und kleinere Buchten umſpannend tritt es an den See heran, bis auf die äußerſte Spitze laufen die weißen, glänzenden Häuſer hinaus, da reihen ſich die reizenden Orte Verner, Montreux, Clarens aneinander. Und dicht hinter denen ſteigen wieder die Höhen empor, Hügel natürlich nur im Vergleich zu den vom andern Ufer herſchauenden Rieſen, aber an⸗ muthig und mit der Fülle einer durchaus ſüdlichen Vegetation geſchmückt heben und ſenken ſie ſich übereinander, wieder bis weit hinauf mit Häuſern und Dörfern bedeckt. Hart am See zieht ſich die Landſtraße hin, viel⸗ fach jenes Windungen die ihren unterordnend; weiter oben bahnt ſich die Eiſenbahn den Weg; heimliche Pfade und Wege ſteigen durch die Reben⸗ gelände und Kaſtanienwäldchen, Lorbeer⸗ und Feigengebüſche überall zum Berg auf oder ſenken ſich zum See nieder. Ganz im Hintergrunde, als Abſchluß des Bildes Ouchy und Lauſanne, und drüberweg die im Fern⸗ duft verſchwimmende Jurakette. Und mitten zwiſchen alle dem nun der See in ſeiner tiefen Bläue, in ſeiner ganzen gefeierten Pracht und Schönheit. Ob's nun wahr iſt, was die Leute ſagen, daß dieſer Blick dem auf die Bai von Sorrento gleicht?

Ich weiß es nicht, ich denke nur an jenen Morgen, jene Nacht zu⸗ rück. Ja, das war auch einemondbeglänzte Zaubernacht, die den Sinn gefangen hält. Da wanderte ich zwiſchen dem offenen Fenſter und dem Tiſch vor dem Sopha hin und her, jetzt, um wieder hinauszuſchauen, dann, um an dem angefangenen Brief in die Heimat wieder fortzuſchreiben und in ihm zu zeichnen, was ich dann wieder am Fenſter erſah und er⸗ lauſchte. Es war ziemlich ſtill im Hauſe geworden, nur einzelne Stimmen, nur die weichen, vollen Klänge einer Cither tönten herauf, als ob's noch voller, friſcher Frühling wäre, ſo zog's von den Reſeden und Roſen da drunten vor dem Hauſe in vollen, faſt betäubenden Duftwolken herauf und herein. Dunkel war's nicht, Lichter die Fülle blitzten aus den Dörfern und Häuſern am Ufer auf, ein matter Schimmer leuchtete von den Eis⸗

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