Jahrgang 
3 (1863)
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Von Friedrich Lampert. 229

Genf das wilde Kind des Chamounythals, die Arve, aufzunehmen und mit ihr dem warmen Süden, den ſonnigen Gefilden der Provence, zuzu⸗ ziehen. Schön iſt's, unvergleichlich ſchön, ſo am Ufer der Rhone, wie am Geſtade des See's, hinzuwandern, namentlich in letzteren, wie er golf⸗ artig in die Ferne ſich weitet, hinein und hinauszuſehen, das rege Leben auf ihm zu beobachten, die wechſelnden Lichter, in denen ihn die verſchie⸗ denen Tageszeiten erſcheinen laſſen, zu bewundern; aber noch ſchöner faſt iſt es, nördlich an ihm hinaufzugehen und nach den Bergen hinzuſchauen, wie ſie da nach einander vortreten, der große und kleine Saléve, der lange Bergrücken, der ſich unfern Genfs hinzieht, aber über ihm ſchon die Spitzen der Montblanckette, vor dieſen die Gruppe der Aiguilles rouges, dann einzeln die Pyramide des Möle, daneben die Schneeſpitze der Aiguille d'Argentière, die Voirons ac. Und der Montblane ſelbſt,der König der Alpen, wohl dem, der einen der 85 Tage, die er, durchſchnittlich be⸗ rechnet, des Jahres ſichtbar iſt, herausbekommen hat und des Abends, wenn auf dem See ſchon nächtliches Dunkel lagert, um ſeinen majeſtä⸗ tiſchen Scheitel noch das letzte Licht des Tages, im flammenden, alles verklärenden Widerſchein glühen ſieht! Ich hatte bei dieſem, meinem erſten kurzen Aufenthalt nicht dies Glück, des ſtolzen Berges anſichtig zu werden; er wollte mir ſeinen Anblick aufſparen, bis ich ihn dort oben von der Höhe des Col de Balme ſo recht auf einmal, ganz und gar und dann freilich in ganz überwältigender Schöne und Herrlichkeit haben ſollte. Und dann, nachdem ich ihm einmal nahe gekommen, und er mir einmal aus ſeiner Ferne nahe getreten war, hat er ſich mir auch keinen Augen⸗ blick mehr entzogen und, wie ich wieder nach Genf gekommen, da leuchtete er mir jeden Tag herüber, konnte ich mich immer dieſes Zauberblickes freuen.

Die Berganſicht hat man ſchon ganz genügend ſchön von der Rouſ⸗ ſeauinſel aus, zu der von dem großen Pont de Bergues ein kleiner Ketten⸗ ſteg abführt, ſie liegt ſo bequem, hat ſo guten Schatten, ſo treffliches Eis, oft auch Muſik, ſtets viel Leute, und ſo iſt man oft, ehe man es ſich verſieht, dort, um auszuruhen, wenn man von den Gängen durch die Stadt müde geworden iſt. Wäre Genf noch das alte, kleine, ſo könnte man das eigentlich nicht werden, denn deſſen enge, krumme Gäßchen und die drei breiten Straßen, die es nur beſitzt, wären bald und ohne Mühe durchlaufen; aber nun, ſeitdem die alten, ſonſt ſorgfältig unterhaltenen