Jahrgang 
3 (1863)
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Von O. Otto. 225

Er bemerkte es nicht, daß ſein Haus jetzt in muſterhafter Ordnung prangte, ſeine Mahlzeiten pünktlich und wohlſchmeckend hergerichtet waren, und hatte nie ein anerkennendes Wort für die Bemühungen der Schweſter, wie er früher kein mißbilligendes für Doralicens Nachläſſigkeiten gehabt. Da, eines Tages brachte der Poſtbote einen Brief mit dem Stempel Verona. Theodor erblaßte und fing an heftig zu zittern. Er fühlte, daß er, was auch dieſer Brief für eine Botſchaft enthalten möchte, nun erſt durch dieſelbe Doralice auf ewig verlieren würde. So lange er nichts von ihrem Aufenthalt wußte, ſie ihm gar keine Kunde gab, wie ſich ihr Schickſal geſtaltet hatte, brauchte er ſeinen Gedanken keine beſtimmte Richtung zu geben und durfte Doralice noch immer wie ihm angehörend betrachten. Jetzt ſollte auch dieſer Traum zerrinnen, denn dieſer Brief mußte nun klar und deutlich ihre Trennung von ihm ausſprechen.

Beſorgt blickte Emilie nach dem Bruder hin, der bleich und gedanken⸗ voll auf dem Sopha ſaß. Endlich ermannte er ſich, riß ſich gewaltſam empor und öffnete raſch den Brief. Dieſer enthielt nur die wenigen Zeilen:

Mein Herr!

Im Auftrage der Doralice Neri ſoll ich Ihnen anzeigen, daß die⸗ ſelbe als Schweſter Theodora in unſerem Kloſterſtift zur heiligen Katha⸗ rina den Schleier genommen hat. Wegen ihrer großen Frömmigkeit und ſeltenen Ausdauer bei den ſtrengſten Andachtsübungen haben wir uns er⸗ mächtigt befunden, ihr von dem beſtimmten Probejahr die noch fehlende Zeit zu erlaſſen, und ſo war geſtern der feierliche Tag, der ſie zu einer Braut des Himmels geweiht hat. Schweſter Theodora läßt Ihnen ſagen, daß ſie Ihrer ſtets als Ihres liebſten Freundes gedenken und Sie täglich in ihr frommes Gebet einſchließen wird. Der Friede des Herrn ſei mit Ihnen! Es grüßt Sie hiermit

die Aebtiſſin des Stiftes der heil. Katharina zu Verona.

Das Blatt entſank Theodors Hand. Ein tiefer Schmerz malte ſich auf ſeinem Antlitz, welches farblos wie das eines Sterbenden wurde. Die Luft im Zimmer bedrückte ihn; er ſprang empor, nahm raſch Hut und Stock und eilte in's Freie. Emilie aber ſah ihm mit einem triumphi⸗ renden Lächeln nach und flüſterte leiſe:Nun erſteht meine Hoffnung wieder, daß Bertha Menzel noch einſt meine Schwägerin wird.

Hausblätter. 1863. III. Bd. 15