Doralice.
weniger Aufſehen erregt, als Theodor gefürchtet; denn da die junge Frau ſo gar keinen Umgang gehabt, war ſie eigentlich von der Welt wenig bemerkt und nun auch nicht vermißt worden. Nur Theodor fühlte ihren Verluſt ſehr ſchmerzlich im tiefſten Herzen; denn war auch ſeine Liebe für ſie erloſchen, ſo hatte doch die Gewohnheit ſie ihm theuer gemacht. Nun Doralice nicht mehr da war vermißte er ihre Gegenwart täglich, ja ſtündlich, und wenn er durch die öden Zimmer oder den Garten ſchlich, war es ihm immer, als müßten Doralicens dunkelglühende Augen ihm aus einem Winkel entgegen leuchten. Ob dieſe Bangigkeit ein Gefühl von Liebe in ſich ſchloß, war Theodor ſelbſt nicht klar; daß ſie ihn hatte aufgeben und verlaſſen können, das war es eigentlich, was in ihm grollte und ſeine Gedanken immer wieder zu der Entflohenen zurückführte. Er war nicht glücklich mit Doralice geweſen, er hatte ſich täglich geſagt, daß ſie beide nicht für ein Zuſammenleben paßten und ſchon durch Sitte, Religion, Sprache und Erziehung von einander getrennt wären; aber er glaubte dies nur allein zu empfinden und hatte es nie bedacht, daß auch Doralice Anſprüche an ihn machen könnte, welche er unbefriedigt gelaſſen. In ſeinem Egoismus wähnte er, daß Doralice ſchon in ſeiner Nähe ein großes Glück finden müßte, wenn er ihr auch nicht durch Zärtlichkeit und Aufmerkſamkeit ſeine Liebe bewieſen hätte, und daß ſie ſich nun ſo un⸗ glücklich gefühlt, um eine Trennung von ihm dem Leben an ſeiner Seite vorzuziehen, ſchmerzte ihn eben ſo tiefinnerlich.
Dieſer Schmerz ſollte aber bald eine andere Richtung durch ein neues Leid erfahren, welches über Theodor hereinbrach. Der alte Kantor Engel, immer von ſchwächlichem Körper und ſeit längerer Zeit ſehr hinfällig, verfiel in ein hitziges Fieber und erlag demſelben nach wenig Tagen. Theodor betrauerte den von ihm ſo verehrten Vater mit inniger Sohnes⸗ liebe und hatte nun auch für die unverheirathete Schweſter zu ſorgen, welche das elterliche Haus verlaſſen und es dem neuen Kantor einräumen mußte. Der junge Baumeiſter nahm alſo Emilie in ſein verwaistes Haus, und mit ihrer gewohnten Thätigkeit und Ordnungsliebe wußte ſie dieſes bald ſo geſchmackvoll und gemüthlich einzurichten, daß man fkaum dieſelben Räume wieder erkannt hätte, welche unter Doralicens Aufſicht jedem nur unbehaglich erſchienen waren.
Nur Theodor ſah dieſe Veränderung nicht. Er ging noch eifriger als früher ſeinen Geſchäften nach, beſuchte wie ſonſt ſeine Freunde und deren Geſellſchaften, wurde dabei aber immer ernſter und verſchloſſener.
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