Jahrgang 
3 (1863)
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Von O. Otto. 223

dieſer Erzählung durchſuchte ich nochmals Doralicens Zimmer ganz ſorg⸗ fältig, ob ſich vielleicht ein Brief oder nur ein Zettel vorfände, woraus einiges Licht in dieſe dunkle Begebenheit käme, aber es war nichts auf⸗ zufinden. Selbſt der Anzug, welchen ſie den letzten Tag getragen hatte, lag auf dem Stuhl.— Ich ging darauf zum Stadtrath Menzel, der immer noch Theilnahme für unſere Famtlie zeigt, wenngleich du ihn ſo höchlich beleidigt haſt, und bat ſehr, auf der Polizei nachzuforſchen, ob der Leierſpieler wieder hier geweſen wäre. Herr Menzel brachte mir denn auch die Nachricht, daß vor einigen Tagen ein Italiener ſich hier gezeigt hätte, deſſen Paß ganz richtig, aber auch noch auf einen jüngern Bruder ausgeſtellt geweſen ſei. Nun war mir das Räthſel gelöſt: Doralice war in männlichen Kleidern mit ihrem Geliebten entflohen, weshalb auch ihr Anzug ganz geordnet auf ihrem Bette lag.“

Mit äangſtlicher Spannung in Haltung und Mienen hatte Theodor den Worten ſeiner Schweſter gelauſcht, ohne ſie nur durch einen Ausruf zu unterbrechen. Erſt als Emilie ihre Erzählung beendet hatte, brach ſein Schmerz hervor. Er preßte die Hände vor den Kopf und athmete ſo ſchwer, daß man es hätte in dem nächſten Zimmer hören können. „Doralice, Doralice, warum haſt du mir das gethan?“ ſchluchzte er dann laut.„Und die Schande, die Schande noch dazu! Treulos mich verrathen, —— nein, es kann nicht ſein! Doralice, die mich ſo ſehr geliebt, kann nicht treulos ſein!“

„Armer Theodor,“ ſprach Emilie, von des Bruders Schmerz gerührt, in milderem Tone;„armer Theodor! Trage dein Schickſal mit Mannes⸗ muth und Manneskraft. Komm jetzt zu unſerem alten Vater. Er iſt ſeit einigen Tagen ſehr unwohl, ſo daß ich ihm die traurige Begebenheit von Doralicens Flucht nicht mitgetheilt habe, um ihn nicht aufzuregen. Komm jetzt, und indem du mit Sohnestreue den kranken Vater pflegſt, wirſt du in Ausübung dieſer Pflicht vielleicht deinen Herzensſchmerz etwas überwinden. Der Schlag, welcher dich getroffen, iſt ſo ſchwer, daß ich nicht einmal ein Troſtwort für dich habe.“—

Wieder hatte die Jasminlaube in Theodors Garten ſich grün um⸗ zogen und verſchwenderiſch mit ihren weißen Sternblüten geſchmückt; wie⸗ der rankte der Wein ſein dichtes Laub um das kleine Pförtchen, und noch war keine Kunde von Doralice eingetroffen. Ihr Verſchwinden hatte