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Von O. Otto. 219
Beppo,“ antwortete ihm Doralice und ſchlug ihre dunkeln Augen mit einem feuchten Blick zum Himmel auf,„wenn ich auch keinen Arm ver⸗ loren und keine Schlacht mitgemacht habe, ſo möchte meine Erzählung doch eben ſo trübſelig als die deinige ausfallen. Ich habe mit dem Ge⸗ ſchick gekämpft und dabei ein Glück und ein Herz verloren.“— Beide ſchwiegen, in tiefes Sinnen verloren. Dann neigte ſich Beppo an ihr Ohr und flüſterte leiſe:„Doralice, ſage es mir offen, ſage es mir bei der heiligen Freundſchaft unſerer Kinderjahre: Liebſt du deinen Mann?“
„Wenn ich ihn nicht geliebt hätte, ſo heiß und innig wie nur ein Menſchenherz lieben kann,“ erwiderte ſie mit bebender Stimme,„wäre ich ihm ſonſt hierher gefolgt in das fremde kalte Land? Hierher, wo die Leute einen andern Glauben haben als ich, und eine andere Sprache reden, als die meinige? Würde ich wohl meine ſchöne ſonnige Heimat verlaſſen haben, wenn ich ihn nicht mehr geliebt hätte, als mein ewiges Seelen⸗ heil?“—„Du weichſt meiner Frage aus, indem du von der Vergangen⸗ heit ſprichſt,“ ſagte Beppo ſie forſchend anblickend.„Vielleicht kannſt du mir aber eine andere Frage beantworten: Liebt dich dein Mann, ſo wie ein Mann ſeine Frau lieben ſoll?“
Doralice blickte ihn träumeriſch an und entgegnete:„Fühlt denn die Blume, wenn ſie welk am Boden liegt, das leiſe Wehen des Weſtes?— Er ſtreift über ſie hinweg. Ob er ſie dabei liebt?“— Beppo faßte liebreich die Hand der jungen Frau und preßte ſie an ſein Herz, und Doralice fuhr fort:„Sieh', als ich vor zwei Jahren hierher kam, war es Herbſt; aber für mich war der Himmel mit roſigen Wolken, die Erde mit duftigem Grün bedeckt. Wohin mein Auge ſchaute, erblickte es nur bunte Farbenpracht und goldnen Sonnenſchein. Jetzt iſt alles grau um mich her; grau der Himmel, grau die Erde; ob Sommer⸗ oder Herbſtes⸗ lüfte mich umwehen, ich fühle es nicht!“—„Und haſt du keinen Wunſch mehr in der Bruſt?“ fragte Beppo weiter.—„Einen Wunſch? Ja, den habe ich noch,“ erwiderte Doralice lebhaft.„Einen heißen brennen⸗ den Wunſch, der mir alle Lebensadern durchglüht und mein Herz in lauten Schlägen pulſiren läßt. Den Wunſch: meine Heimat wieder zu ſehen, nach Italien zu wandern, um im Schoß der Muttererde begraben zu werden!“— In Beppo's männlichem Auge ſchimmerte eine Thräne. Er fühlte einen Schmerz ſeinen Körper durchzucken, brennender als da⸗ mals, wo der ſcharfe Säbel des Turco ſeine Hand vom Arme trennte.— „Sprich doch, lieber Beppo, ſprich mit mir,“ bat endlich Doralice.


