122 Auch eine Entſührung.
verſität beziehen konnte, denn nur dieſer war es, der ihm— zum größten Theil wenigſtens— die Mittel zum Studium gewährte. Bis jetzt hatte der Pfarrer keine Gelegenheit gehabt, dieſe Wohlthaten abzutragen und jetzt, wo ſich eine ſolche Gelegenheit bot, ſollte er dieſe ungenützt vorüber gehen laſſen? Nein, nimmermehr! Sich daher an den jungen Mann wendend, ſprach er:„Mein Herr, da ich auf Sie und meinen Freund das feſte Vertrauen ſetze, daß Sie mich durch die Trauung zu keiner unrechten Handlung verführen, ſo bin ich zu ſolcher bereit.“
Dankend reichte der junge Mann dem Pfarrer die Hand, indeß dieſer lächelnd fortfuhr:„Dürfte ich Sie jetzt wohl erſuchen, mir Ihre Namen zu nennen, damit ich doch weiß, über wen ich den Segen der heiligen Kirche ſpreche?“—„Entſchuldigen Sie, hochwürdiger Herr, daß ich dies bis jetzt verſäumte. In meiner Begleiterin ſtelle ich Ihnen Roſa, die Tochter— in mir, Guſtav Emold, den erſten Buchhalter Ihres Freundes, des Großhändlers Streck vor.“—„Alſo Sie, mein Fräulein,“ ſprach der Pfarrer freudig bewegt,„ſind die Tochter meines Freundes? Ja, ja, man erkennt in Ihnen den Vater. Die Augen, das braune Haar erinnern mich an meinen guten Ernſt. Damals— o, es ſind ſchon Jahre darüber verfloſſen!— als ich ihn zuletzt beſuchte, waren Sie in Dresden in der Erziehungsanſtalt, und ſchon damals konnte mein Freund ſein liebes Töch⸗ terchen nicht genug loben. Nun, nun, Kindchen, werden Sie nicht verlegen! Brauchen ſich deßhalb wahrhaftig nicht zu ſchämen! Doch jetzt, meine Lieben,“ fuhr er fort,„will ich den Küſter raſch benachrichtigen, daß er ſich zur heiligen Handlung in der Kirche einfinde.“ Der Geiſtliche verließ das Zimmer, und die beiden Liebenden fanden ſich allein.
Raſch eilte Roſa auf Guſtav zu, und vorwurfsvoll ſprach ſie:„O wie konnteſt du ſo den guten Pfarrer täuſchen!“—„Mein Gott, Roſa, was blieb mir denn weiter übrig? Hätte ich ihm mitgetheilt, daß ſein Freund, dein Vater nimmer unſere Vermählung billige, ſo kannſt du auch überzeugt ſein, daß er uns nimmer trauen würde.“—„O Guſtav, auch daß wir den Vater getäuſcht, laſtet centnerſchwer auf mir.“—„Aber Röschen, ſo bedenke doch, daß dies der einzige Weg war, der uns zur Erreichung unſeres Zweckes blieb. Dein Vater würde nicht eher geruht haben, als bis er in dir die Gattin des jungen Spielmaier erblickt hätte und— 4.—„O Guſtav, ſchweige mir davon,“ fiel Roſa dem Geliebten in die Rede.— In dieſem Augenblicke betrat der Pfarrer wiederum das


