118 Auch eine Entführung.
Gott, Herr Guſtav, was fehlt Ihnen denn? Plötzlich bedeckt Leichenbläſſe Ihr Antlitz und Ihre Glieder zittern. Was iſt Ihnen?“
„Verzeihung,“ ſtammelte der junge Mann,„Verzeihung, Herr Streck! Ein augenblickliches Unwohlſein, eine unbedeutende Erkältung, die—.“— „Ja, ja, das ſind die Folgen, wenn man bei offenem Fenſter ſchläft, im erhitzten Zuſtande kaltes Waſſer trinkt. Ihr jungen Leute glaubt ſtets, eure Natur ſei unverwüſtlich, bis es denn einmal zu ſpät iſt. Daß Sie mir ja heute Abend vor dem Zubettegehen ſo ein halb Dutzend Taſſen Camillenthee trinken! Das hilft bei ſolchen Zuſtänden ungemein.“
Der Buchhalter hatte ſich inzwiſchen ſchon wieder gefaßt und ſeinen Blick feſt auf Herrn Streck heftend, ſprach er:„Es iſt bereits vorüber, und ich befinde mich ſchon wieder wohl.— Alſo Fräulein Roſa wird ſich mit Herrn Spielmaier verloben?“—„Hoffen wir es, lieber Guſtav! Das Mädchen ſträubt ſich freilich gegen eine derartige Verbindung, aber das ſcheint mir nichts weiter als eine Mädchenlaune zu ſein, die ſich wohl bald geben wird.“—„Und liebt Fräulein Roſa denn Herrn Spiel⸗ maier?“ war die weitere Frage des jungen Mannes.—„Ob ſie ihn liebt? Merkwürdige Frage! Sie kennt Herrn Spielmaier ja noch gar nicht, was indeſſen nichts zur Sache thut. Sie wird ihn lieben lernen, und dazu iſt's noch Zeit genug, wenn die Leutchen erſt einmal verheirathet ſind. Weiß das noch von meiner lieben Cathinka— Gott habe ſie ſelig, es war ein gutes Weib. Wir ſahen uns auch erſt acht Tage vor der Hochzeit zum erſten Mal, obgleich wir dem Willen der Eltern gemäß ſchon ſeit einem Jahre Verlobte waren, und haben dennoch das glücklichſte Leben von der Welt geführt. Ich denke, ebenſo wird's mit Herrn Spiel⸗ maier und meiner Tochter kommen. Erwarten wir nur die Zeit! Doch auf Ihre Angelegenheit zurückzukommen, lieber Guſtav, alſo es hat ſeine Hinderniſſe, daß Sie Ihre Auserkorene je beſitzen werden?“—„Zur Zeit mehr denn je,“ entgegnete der junge Mann faſt bitter.
„Aber ließe ſich denn gar kein Weg zur Erreichung Ihres Zweckes finden?“—„Ich wüßte keinen.“—„Aber ich weiß einen ſolchen,“ rief Herr Streck plötzlich.—„Und der wäre, Herr Principal?“ fragte Herr Guſtav lebhaft, faſt beſtürzt.—„Kurz und gut: entführen Sie das Mädchen!“—„Was, Herr Streck? Was ſoll ich thun?“—„Entfüh⸗ ren ſollen Sie ſie, dem böſen Vater das Täubchen aus dem Neſte holen. Man will Ihnen die Geliebte nicht geben, gut, ſo nehmen Sie dieſelbe.“
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