Jahrgang 
3 (1863)
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Von Adolph Beneke. 113

Mein liebes Kind, fuhr der Großhändler fort, indem er ſeine Nägel einer genauen Prüfung unterzog,mein liebes Kind, du biſt jetzt in dem Alter, in welchem ein Theil deines Geſchlechts wenn auch nicht der größere einen neuen Lebensabſchnitt dadurch beginnt, daß er in den Stand der heiligen Ehe tritt. Nun, Röschen, du brauchſt nicht gleich zu erröthen, es iſt einmal von jeher ſo geweſen und wird auch für die Folge wohl ſo bleiben. Sieh Kind, wenn ich dich nun auch nicht zwingen würde, dich mit dieſem oder jenem, den ich vielleicht gern als Schwiegerſohn ſähe, zu vermählen, ſondern dies womöglich nur deinem Herzen überlaſſen würde, ſo iſt es doch für mich ein Punkt von der größten Wichtigkeit, wem du, mein einziges Kind, dereinſt als Gattin angehören wirſt. Ich frage dich deßhalb: Haſt du noch nicht gewählt? Iſt dein Herz noch frei?

Immer verlegener war Roſa bei der Rede des Kaufmanns geworden; heftig zupfte ſie an der Stickarbeit und ihr Antlitz hatte eine hochrothe Färbung angenommen. Was ſollte ſie auf die Frage des Vaters er⸗ widern? Ihm ein offenes Bekenntniß ablegen und ſo aller Ungewißheit, ob ſie Guſtav je beſitzen werde, ein Ende machen? Doch durfte der junge Mann in der Stellung, die er zur Zeit im Leben einnahm, es wagen, vor den reichen Handelsherrn mit der Bitte zu treten, ihn mit der Hand ſeiner einzigen Tochter zu beglücken? So gut der Vater auch war, das gab er gewiß nicht zu. Nein, erſt mußte der Geliebte ſich eine andere Lebensſtellung erringen, bevor er mit ſeiner Bitte hervortreten durfte. Warten konnten ſie ja noch Beide, denn Beide waren ſie noch jung. So hatte Roſa bald ihren Entſchluß gefaßt und feſt, wenn auch etwas leiſe, beantwortete ſie daher die Frage des Großhändlers:Nein, Vater, ich habe noch nicht gewählt.

Das freut mich herzlich, Kind, freut mich herzlich, ſprach mit leuchtenden Augen Herr Streck.Nun kann ich auch in meiner Mit⸗ theilung fortfahren. Der alte Spielmaier in Neuhaus, mein Jugendfreund, der ja im vorigen Jahre einige Wochen hier bei uns weilte, hat nämlich zwei Söhne, die beide Theil am Geſchäfte haben und von denen der aältere bereits ſeit einiger Zeit verheirathet iſt. Der Alte wünſcht nun nichts ſehnlicher, als daß auch der jüngere ſich in Hymens Feſſeln ſchmieden laſſen möge. Dieſer, der auch wohl dazu geneigt iſt, hat indeß noch immer kein paſſendes Weſen gefunden, das er als Gattin heimführen

Hausblätter. 1863. III. Bd. 8