110 Auch eine Entführung.
geöffnet ward, ein junger Mann haſtig eintrat, auf das Mädchen zueilte, deſſen kleine Hand ergriff und auf dieſe einen brennenden Kuß preſſend, mit freudeſtrahlendem Antlitz ſprach:„Theure Roſa, endlich wieder ein⸗ mal ein Augenblick, daß ich dich allein treffe und dir ſagen kann, wie ſo unendlich meine Liebe zu dir, wie ſo unausſprechlich groß meine Sehn⸗ ſucht und—.“—„Wie ungeſtüm du biſt!“ unterbrach ſanft verweiſend Roſa den raſchen Redeſtrom.„Erhebe dich, Guſtav! Wenn uns ſo jemand erblickte! Du vor mir auf den Knien!“—„O möchte es doch geſchehen,“ entgegnete heftig der Jüngling, indem er ſich jedoch erhob,„möchte uns doch jemand überraſchen und dadurch die Welt endlich Kunde von unſerer Liebe erhalten!“
„Würde auch die Welt Kenntniß von unſerem Verhältniß nehmen, uns würde das nichts nützen. Bedenke doch immer den Vater! Glaube nicht, daß er ſo bald unſere Liebe ſegnet.“—„Aber, Roſa, ich bin deinem Vater anſcheinend doch nicht ganz gleichgültig! Ja, ich glaube faſt, er begünſtigt mich vor den übrigen Buchhaltern des Geſchäfts!“—„Das beweiſ't noch immer nicht, daß er dich, lieber Guſtav, als Schwiegerſohn wünſcht. Papa iſt, wenngleich herzensgut, doch mit Leib und Seele Geſchäftsmann. Für ihn iſt daher auch meine Verheirathung dereinſt ein reines Geſchäft. Daß er dies ſo glänzend wie möglich zu machen wünſcht, iſt einleuchtend, und—.“—„Und mit mir, dem armen Buch⸗ halter, iſt freilich kein glänzendes Geſchäft zu machen, da haſt du Recht,“ fiel der junge Mann der Redenden faſt bitter in's Wort,
„So biſt du nun, Guſtav! Augenblicklich ſchäumt's bei dir über. Ueberlaß doch alles der Zeit. Wir ſind beide noch jung und können leicht uns noch einige Jahre in Geduld faſſen.“—„Meine Verhältniſſe werden ſich auch in ein paar Jahren nicht ändern, Roſa, davon bin ich über⸗ zeugt,“ entgegnete verſtimmt der junge Mann.—„In der That, ſelten habe ich jemand geſehen, der ſo leicht verzagt wie du, Guſtav.“—„Habe ich dazu denn keinen Grund, Roſa? Faſt ſind drei Monate darüber ver⸗ floſſen, daß wir uns unſere Liebe geſtanden, daß wir uns heimlich Treue gelobt haben; doch dabei iſt's geblieben. Deinem Vater ſoll ich kein Geſtändniß machen, ſoll ihn nicht um deine Hand bitten. Aber ſo ſage mir doch, was daraus werden ſoll?“—„Ich habe dir ſchon öfters mit⸗ getheilt, Guſtav, daß wir alles der Zeit überlaſſen müſſen.“—„Nein, Roſa, das geſchieht nimmer! Noch länger zu warten, noch länger in der
einliche
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