16 Zwiſchen zwei Regen.
ſo unbefangen wirthſchaftete er unter den Sachen umher; wer aber mit der Lage vertraut war und ſchärfer hinblickte, ſah wohl, wie er die Zähne auf⸗ einander biß, als er ſich ſo genöthigt ſah, ein paar fremde, obgleich glücklicher⸗ weiſe ganz neue Stiefel anzuziehen. Ja als er ſo in ſeinem Anzuge fortfuhr, konnte er ſich nicht enthalten, dieſes oder jenes Kleidungsſtück heftig auf die Seite zu ſchleudern und mit dem Fuße hart aufzutreten, ehe er ſich zur Fort⸗ ſetzung ſeiner ihm ſo höchſt unbehaglichen Beſchäftigung zwang. Endlich aber wurde er doch trotz alles Zögerns fertig, und als er nun vor den Spiegel trat, um die ganze Verwandlung zu überſchauen, ſich in dem grauen Jagdrock mit grünem Kragen, der ihm übrigens gar nicht ſchlecht ſtand, konnte er ſich eines augenblicklichen Lächelns nicht erwehren, ja es gelüſtete ihn beinahe, den Jagdhut mit Gemsbart und Spielhahnfeder aufzuſetzen, der dort an dem Rehgewicht hing, und eine der Büchſen des Oberförſters über die Schulter zu hängen. Ach wenn er nur zu ſolchen Späßen hätte aufgelegt ſein können, ſo aber fühlte er ſich in gar zu unbehaglicher Stimmung.
Er trat an das Fenſter und ſchaute in den Park hinaus auf die ge⸗ ſchlungenen Wege, in deren jedem er ſchon mit ihr gewandelt war. Gewiß — dieſe Erinnerungen ſtürmten ſo mächtig auf ihn ein, daß er mehr als je verſucht war, nach ſeinem Pferde zu rufen, um, ohne jemand weiter im Hauſe zu ſehen, nach der Stadt zurück zu reiten. Und doch nicht—!— Nein, war es ihr möglich geweſen, nach ſeinem allerdings etwas unbedachten Wort lachend davon zu reiten— ſollte er es nicht über ſich vermögen, jetzt, da ihn ein Zufall hieher getrieben, ebenfalls lachend vor ſie hinzutreten 2— „Ruhig!“ ſprach er zu ſich ſelbſt und drückte die Hand auf's Herz. Da fühlte er unter ſeinen Fingern in dem Rocke etwas wie Papier knittern. Obgleich er raſch in die Taſche griff und ein Papier hervorbrachte, hielt er doch plötz⸗ lich inne, als er es entfalten wollte, denn er konnte ja mit gutem Recht das nicht als ſein Eigenthum anſehn, was er in einem fremden Anzuge gefunden. Er hielt den zuſammengefalteten Brief zweifelnd in der Hand.—
Wenn aber auch Neugierde nicht zu ſeinen Fehlern gehörte, ſo war es doch begreiflich, daß er ſich hier unter dieſen eigenthümlichen Verhältniſſen nicht enthalten konnte und wollte, wenigſtens die Unterſchrift unter dieſen Zeilen zu leſen.— Das Herz ſchlug ihm, wie einem Knaben, der auf irgend einer Unart fürchtet ertappt zu werden, und ohne ſich Zeit zur weitern Ueber⸗ legung zu laſſen, die vielleicht doch für ſeinen heißen Wunſch nicht günſtig ausgefallen wäre, entfaltete er raſch den Brief und als er geleſen, drückte er


