Jahrgang 
4 (1859)
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66 Eine Wanderung nach der Winzenburg.

unter der knorrigen Naſe und der eckigen Stirn hervor, die ſich ganz in der grünen, zottigen Perrücke verliert, zu welcher ſich der auf dem modernden Holze üppig wuchernde Grasbüſchel geformt hat! Flirr! da ſpeit er uns aus dem zahnloſen Munde ein Rothſchwänzchen entgegen, ſo plötzlich, daß wir erſchrecken, und nun ſchüttelt ſich das alte Geſtell und verrenkt die dürren Glieder ſo wunderlich, als ob es uns auslache. Ah! richtig, hier ſind wir bereits im Zauberrevier des alten Schalks, des Hödeken, wer weiß, ob jenes da nicht ein ganz ander Ding iſt, als ein alter, modernder

Stamm! Und wie ſie nun hier und da und wieder hier in dieſer öden

Waldgegend neben uns herlaufen, die alten knorrigen Hagebuchen, wie ſie dort mit ihren gekrümmten Beinen die ſteile Höhe erklimmen und ſchwer an den Höckern und Wulſten zu tragen ſcheinen, womit ſte bepackt ſind! Ein Heer von Wichteln und Kobolden zieht im Dunkel der Nacht oder bei falbem Mondlicht jene Höhe hinauf zu dem Meiſter Hödeken, jetzt aber beim hellen Tageslicht nehmen ſie die unſchuldigſte Hagebuche⸗ oder Wachholderſtrauch⸗ miene an und haben's doch fauſtdick hinterm Ohr, wie ihr Meiſter.

Ja, wie der dort oben, als die Winzenburg noch mit ihren gewaltigen Thürmen und Zinnen daſtand und als ein gefürchtetes Schloß weit in die Lande ſchaute, ſeine Streiche trieb, wie er den neckiſchen Küchenjungen und den polternden Koch beſtrafte und manche grauſe That, die jene zerfallenen Mauern mit Blut färbte, durch Heulen und Geſchrei vorherverkündete, das kannſt du alles in alten Büchern finden, lieber Leſer; am beſten aber erzählt dir's das lebendige Murmeln des friſchen Sagenborns, den der Zauberſtab der Gebruͤder Grimm hervorſprudeln ließ.

Da ſind wir endlich auf der Höhe und am Ziele unſerer Wanderung. Die morſchen Steine, an die unſer ermüdeter Fuß ſtößt, ſind die letzten Reſte der alten Winzenburg. Hier auf dieſer bemoosten Steinbank, welche einſt wohl das Geſims eines Schloßfenſters bildete, aus welchem ſchöne Augen klar und ſinnig auf das uns umbrauſende grüne Waldmeer ſchauten, ſoll unſer Ruheſitz ſein. Hödeken wird unſere Ruhe durch keinen böſen Streich ſtören, wenn wir ihn nicht durch vermeſſene Reden beleidigen. Auch iſt er wohl nicht zu Hauſe, denn ſeitdem die Winzenburg zerſtört und in dieſe Trümmer zerfallen iſt, treibt er ſich lieber im Felde umher und macht ſich gern mit Pferden und Wagen zu thun, ladet auch wohl Heu auf und geht unſichtbar den Knechten zur Hand. Doch muß man ſich hüten, ihn zu beleidigen.