Jahrgang 
2 (1859)
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Von Paul Stein. 165

plötzlich bekam durch die unvorſichtige Bewegung eines Vorübereilenden ſein leichtes Filzhütchen einen Ruck nach vorn und fiel ihm über die Augen. Noch ehe er dieſen ſtörenden Schleier zurückwerfen konnte, war die Erſchei⸗ nung am Fenſter wieder verſchwunden. Zornig wandte er ſich nach dem Urheber ſolchen Mißgeſchickes um; ein ſtattlicher junger Mann, welcher ſich eben zu einer Entſchuldigung anſchickte, trat ihm entgegen, allein kaum hatten ſich Beide ins Auge gefaßt, als auch ſchon der Unmuth des Einen, wie das Bedauern des Andern verſchwand. Sie ſchüttelten ſich herzlich die Hände mit der lachenden Freude zweier Bekannten, die ſich geſucht oder erwartet und nun zuſammen finden.

Theodor Frey und Hermann Halding waren Freunde. Der Erſte ein talentvoller, aber unbemittelter Schriftſteller, der Zweite ein beliebter junger Arzt und Sohn eines Hauſes, das ſich zu den erſten und nobelſten der höheren Bureaukratie zählte.

Ich warte ſchon über eine Stunde hier auf dich, nahm Theodor zuerſt das Wort.Und ſchon viel länger könnte ich hier ſein, entgegnete der Andere.Aber ſo viel Köpfe, ſo viel verſchiedene Meinungen, und ſo viel Herzen, ſo viel geheime Wünſche in einer ſolchen wichtigen Angelegen⸗ heit! Es war wirklich das ſtürmiſchſte Conſilium, das ein Doktor erleben kann! Denke dir, Theodor, ſechs junge Männer, von denen jeder ein beſonderes Ideal im Herzen trägt und die Wünſche und Anſichten ſeiner ganzen Familie, wenigſtens des weiblichen Theiles, in ſeinem Kopfe beher⸗ bergt, ſollen gemeinſam das hochwichtige Urtheil fällen, wer das ſchönſte Mädchen der Stadt ſei, würdig bei dem Vermählungsfeſte des Erbprinzen den Genius der Liebe zu repräſentiren! Ach, das war keine Kleinigkeit, und eine beſondere diplomatiſche Klugheit von Nöthen, derjenigen den Sieg zu verſchaffen, die ihn allein verdient! Aber ich habe ihn errungen! Fünf Stimmen gegen eine! Ich habe Einigkeit gegen heiße Köpfe und noch heißeres Blut und gegen alle Einflüſterungen allmächtiger Fraubaſenſchaften errungen! Freund, Herzensfreund! Meiner Wahl iſt der Siegeskranz geworden!

Und wer iſt die Erwählte, die glückliche Siegerin? fragte Theodor, aber ſo zerſtreut, daß man leicht errathen konnte, die Frage geſchähe mehr aus Gefälligkeit gegen den Freund, als aus eigenem Intereſſe an der Sache ſelbſt. Allein Hermann bemerkte dies nicht, ſeine Bruſt hob ſich höher, ſein Auge flammte kühner, ſeine ganze ſtattliche Geſtalt ſchien ſich freudig zu