Jahrgang 
2 (1859)
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164 Der alte Fritz.

künſtliche Beleuchtung keine Arbeit mehr gedeihen will, wo ſittſame Mädchen zwar noch allein über die Straße gehen, aber wohl auch erröthend es dulden, wenn ein ſorglicher Freund als Begleiter ſich anbietet, wo zwiſchen des Tages Arbeit und den Vorbereitungen zur Nacht eine kleine Pauſe tritt, und ſelbſt der ärmſte Taglöhner ſich einen Moment der Ruhe gönnt.

Für das rege Leben der Hauptſtraße gab es keine angenehmere Zeit; Equipagen rollten wie immer hin und her, aber auf den Trottoirs wogte ein bunteres Gemenge als in jeder anderen Stunde; bauſchige Damenkleider und leinene Kittel, alte Hageſtolze und lebensfriſche Mädchen ſtreiften dicht aneinander vorüber, das dunkle Kleid eines Gelehrten, die blitzende Uniform eines ſchlanken Offiziers, ein altes Mütterchen, eine kecke Dirne wurden von dem plötzlich ausſtrömenden Gaslicht oft in einer Gruppe beleuchtet; ein Liebespaar fuhr erſchrocken auseinander vor dem funkelnden Meteor, andere drängten ſich vor einem Schaufenſter zuſammen, deſſen Ausſchmückung durch die Flammen noch reicher erſchien.

An einer Kunſthandlung, deren helles Licht ſich beinahe uͤber die ganze Breite der Straße ergoß, hielten faſt alle Vorübergehenden an, um einen Blick auf die ausgeſtellten Prachtwerke zu werfen. Heute war es eine büßende Magdalena zu den Füßen der Tochter Jephthas, Herodias mit dem Haupte des Täufers, daneben das lachende Mädchen von Albano, welche gleichzeitig um die Bewunderung der Menge buhlten. Nicht ſelten gab es ſanfte Stöße und kleine Püffe um den Vortritt und ſpitze Bemerkungen über allzu langes Gaffen Einzelner.

Zu dieſer Klaſſe gehörte ein junger Mann, der immer und immer wieder an das Fenſter zurückkehrte, wenn er vor dem Hauſe auf und ab gegangen war. Doch es ſchien, als ob bei ihm die Betrachtung der Kunſt⸗ werke mehr ein Vorwand für ſeine Trottoirpromenade ſei, als wirkliche Bewunderung ihrer Schönheit, denn er ſah ſehr gedankenlos, oder gedanken⸗ voll, wie man es nehmen will, in das hell beleuchtete Fenſter, und wenn er von demſelben hinwegtrat, blickte er mit viel größerem Intereſſe zu den erhellten Räumen des erſten Stockwerkes hinauf.

Er mochte wohl eine Stunde in dieſem eifrigen Nichtsthun zugebracht haben, als ein ſchlanker Schatten ſich einem durch tief herabhängende Vor⸗ hänge beinahe ganz verhüllten Fenſter nahte, zwei kleine Hände denſelben auseinander theilten und ein liebliches Mädchenantlitz dazwiſchen ſichtbar wurde. Das Auge des jungen Mannes gewahrte dies mit Entzücken; aber

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