Jahrgang 
2 (1859)
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Von Paul Stein. 163

In dem jenſeitigen, viel kleineren Theile der Stadt herrſcht wohl auch eine große Ruhe ganz nahe dem Verkehre, aber es iſt dies eine kalte, eine vornehme Stille, welche die hohen Paläſte umgibt; und über die breiten weißen Trottoirs und durch die ſauberen Straßen ſchleicht oder wandelt man mit einer gewiſſen Scheu, ſo ſchön auch alles iſt, und die Neugierde blickt ſchüchtern zu den hohen, weiß umhüllten Fenſtern empor, ſieht verwundert eine prächtige Equipage vorüberrollen oder einen eleganten Reiter mit feinem Schnurrbarte und Glaceehandſchuhen ſein edles Roß kunſtreiche Manövers machen.

Es iſt ſchön hier, ſonnenbeglänzt die großen Gebäude, die breiten Straßen; aber wenn der Wind kalt iſt, bläst er ſchneidend hindurch, und iſt es heiß, ſo brennt die Sonne glühend auf die weißen Steine; auch hat es bald etwas einförmig Ermüdendes, wie alle regelmäßigen breiten Straßen, in denen ſich kein Geſchäftsleben entwickelt; es iſt beinahe, als gehörten ſie nicht in die uns bekannte Welt.

In dieſem Stadttheile, der ſogenannten Neuſtadt, wohnen nur reiche und vornehme Leute, die eigentliche Geld⸗ und Adelsariſtokratie. Die lange Hauptſtraße trägt ſowohl Merkmale der einen, wie der andern Seite der Stadt, ja ſelbſt in den Buch- und Kunſthandlungen Erinnerungen an das kleine Litteratenviertel, doch iſt in der breiten Straße hauptſächlich das reiche und vornehme Element der Stadt mit dem geſchäftlichen verwoben. Die nach dem Altviertel hinablaufenden Seitengaſſen bilden den Uebergang, man möchte ſagen, vom Sonntag zum Werktage, während die aufwärts ſteigen⸗ den Straßen nach der Neuſtadt gleichſam in immer ſtillere hehre Feiertage zu führen ſcheinen, die man nur mit ſeidenen Schuhen und andächtig nieder⸗ geſchlagenen Augen betreten darf.

Dieſe ſo ſtreng geſchiedenen Theile der guten Stadt N. mußten noth⸗ wendig auf die Abſonderung der einzelnen Kräfte derſelben einwirken und Standesvorurtheile dort länger feſthalten als es anderwärts geſchah. So kam es denn auch, daß ſelbſt wenn ein gemeinſames Intereſſe alle Herzen bewegte, ſich dennoch in allem und überall das Sonderintereſſe der Einzel⸗ nen in eigner Weiſe geltend zu machen ſuchte.

Es war an einem ſchönen Frühherbſtabende, der nicht kalt, nicht warm, ſo ziemlich zwiſchen Sommer und Winter die Mitte hielt, und in jener be⸗ haglichen Dämmerſtunde, wo es draußen noch hell genug iſt, ſelbſt unter dem Schleier ein hübſches Geſichtchen zu erkennen, drinnen aber ohne

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