Jahrgang 
2 (1859)
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Der alte Frit.

Novelle von

Paul Stein.

N. iſt eine alte, aber freundliche, ſehr huͤbſch gelegene Stadt unſeres deutſchen Vaterlandes, Reſidenz eines kleinen Fuͤrſtenhauſes und Stapelplatz für einen ziemlich bedeutenden Buchhandel; letzterem Umſtande dankt es namentlich den Aufenthalt einiger hervorragenden und vieler mittelmäßigen litterariſchen Kräfte, und von dieſen angezogen, wie vom Magnete das Eiſen, häufig intereſſante Gäſte, ſo daß wohl nur wenige Städte von gleichem Range und gleicher Größe auf deutſchem Boden gefunden werden mögen, in denen ſo viel Geiſt und Intelligenz verborgen iſt. Ich ſage ver⸗ borgen, denn N. iſt nicht nur eine Stadt des Buchhandels, es iſt auch eine ſehr alte Stadt und eine kleine Reſidenz, woraus ſelbſtverſtändlich hervor⸗ geht, daß es mehr noch als mit litterariſchen und ſchöngeiſtigen Elementen, mit altadeligen Hofchargen, mit ſteifer Bureaukratie, mit bunten Röcken und ſpießbürgerlicher Fraubaſenſchaft angefüllt iſt.

Zwiſchen dieſer, oder vielmehr hinter dieſer breiten, etwas verſchnör⸗ kelten Schranke ſtrahlt die Sonne geiſtigen Aufſchwungs; allein ſo hell ſie auch leuchtet, ſo iſt es ihrem Lichte doch nur ſchwer möglich, dieſe Schranke zu durchbrechen, ja ſelbſt dem, der den Genius offen an ſeiner Stirne trägt, iſt es kaum geſtattet, dieſe Schranke zu überſchreiten.

So finden ſich denn die verſchiedenartigſten Elemente dieſer Stadt oft eng zuſammen, zuweilen in einem Hauſe, ja in eine nähere Berührung zu kommen als die eines fluͤchtigen Grußes, oder höchſtens eines unvermeidlichen Gratulationsbeſuches am Neujahrstage. Es ſpuken hier gleichſam die vertrockneten Ueberreſte vergangener Zeiten und die phantaſtereichen Träume künftiger Tage als ſeltſame Contraſte der 11

ſelbſt auf einem Gange, ohne

Hausblätter. 1859. II. Bd.