Von Alfred Hartmann. 105
Verzeihung zu bitten.“ Sie ſtreckte mir die Hand entgegen, in welche ich ſchweigend einſchlug.—
Ich muß ganz erbärmlich albern ausgeſchaut haben, Doktorchen, nach dieſer erbaulichen Enthüllung. Ich las es in dem halb mitleidigen, halb ſchalkhaften Blicke der kleinen Staufacherin.—
Die Nebelkobolde hatten ſich inzwiſchen in ihre geheimen Schlupfwinkel zurückgezogen. In ſonnenbeglänzter Pracht lag das ſchöne Land, in welchem neunzehnjährige Mädchen ſich ſtrickend eine Weltklugheit zu erwerben ver⸗ mögen, die einen doctor philosophiae cum laude promotus zu Schanden mach, zu unſern Füßen.
„Kommen Sie, Herr Profeſſor! Wir werden kaum das Kurhaus erreihen können, bevor die Mittagsglocke läutet; und Sie ſind gewiß mit mir einverſtanden, daß man von ſolchen Morgenſpaziergängen einen ganz vortmfflichen Appetit mit nach Hauſe trägt.“ Und ging, als wäre nichts geſchehen, an meiner Seite dem Mittagstiſch entgegen.
Geſtehe mein Freund, daß das Gemüth dieſer Schweizerinnen den aus Landwolle ſelbſtgeſtrickten Strümpfen gleicht, mit denen man ſie ſo oft be⸗ ſchäftigt ſieht,— ſehr ſolid und praktiſch, aber entſetzlich proſaiſch! Lebe wohl und ſpotte nicht allzuunbarmherzig über Deinen einigermaßen aus der Faſſung gekommenen
Piſtorius.
IX.
Lieber Freund! Es iſt nur zu wahr, und ein Anderer hätte es mit Händen gegriffen, welche dumme Rolle die Pariſer Kokette mich ſpielen ließ. Nur ich merkte nichts davon, bis mir das neunzehnjährige Kind die Schup⸗ pen von den Augen löste!
Ich habe heute Nacht ernſtlich daruber nachgedacht, ob ich nicht auch auf die andere Eventualität Deines ärztlichen Rathes eingehen und ein Weib nehmen ſollte. Fräulein Babette z. B. wäre ſo übel nicht. Ich ver⸗ ſichere Dich, daß ſie ganz artig ausſieht: fein gewachſen, ein friſches Geſicht⸗ chen und ein paar kluge Augen. Eine ſolche fleiſchgewordene praktiſche Proſa würde ohne Zweifel meine Garderobe ſtets im beſten Stande halten und alles dasjenige ganz vortrefflich zu beſorgen verſtehen, wofür ich im Umgang mit meinen Griechen den Sinn verloren habe. Man ſagt ja, die


