104 Ueber den Wolken.
Fußſpitzen berührten.„Sie wollen es,“ ſprach ſie endlich.„Nun gut! Dann müſſen Sie mir aber auch geſtatten, frei von der Leber weg zu reden und Ihnen meine Meinung aufrichtiger zu ſagen, als ſich vielleicht für ein Mädchen geziemt.“—„Nur zu, nur zu!“ drängte ich.—„So hören Sie mich geduldig an. Sie ſind ein Stubengelehrter, ein Bücherwurm; in Ihren Klaſſikern kennen Sie ſich aus, Herr Profeſſor, aber von der Welt wiſſen Sie nicht mehr als ein Kind. Ihnen gegenüber bin ich eine erfahrene Matrone und deßhalb vielleicht wohl zu einer gutgemeinten Warnung berechtigt.“
Wie verblfft nach dieſem Ingreß der professor extraordinarius almae Carolinae vor dem kaum noch zwanzigjährigen Mädchen daſtand, magſt Du Dir denken, Doktorchen. Sie fuhr mit der liebenswürdigſten Unbefangen⸗ heit folgendermaßen fort:„Sie ſtanden in der größten Gefahr, in Ihrem Bücherſtaub vollſtändig zu verkümmern, als ein guter Geiſt Sie auf dieſen Berg hinauf brachte. Die reineren Lüfte, die auf dieſen Höhen wehen, wurden des gelehrten und verkehrten Staubes, welcher ſich ſeit Jahren auf Ihr Gemüth abgelagert hatte, bald Meiſter. Sie begannen wieder an andern Dingen Freude zu haben als an gedruckten Buchſtaben; Gottes Welt ſchön zu finden, brauchten Sie dieſelbe nicht mehr durch die Brille Ihrer alten Griechen anzuſehen.“— Was war da zu erwidern! Ich ſchwieg und wartete begierig auf das, was noch kommen ſollte.
„Das iſt nun freilich ſchon ein großer Fortſchritt zum Beſſern,“ fuhr das Mädchen fort.„Aber Sie gleichen jetzt dem Kind, welches nach dem erſten Beſten greift, was glänzt. Für Sie, Herr Profeſſor, glänzt hier oben
vor allem andern— Sie werden nicht in Abrede ſtellen wollen, was jeder⸗
mann ſieht— die ſchöne Gräfin.“— Das Mäddchen hielt wieder einen Augen⸗
blick zögernd inne.—„Nur fortgefahren, mein liebenswürdiger Gewiſſens⸗ 5 hren, g
rath!“—„Sie ſind aber auch jenen Kindern ähnlich, welche die Gefahr nicht ahnen, wenn ſie mit einer glitzernden Scheere oder Nadel ſpielen. Ihre Bücher, Herr Profeſſor, haben Sie nicht gelehrt, daß unter der äußern Hülle einer ſchönen Gräfin eine recht häßliche Kokette verborgen ſein kann. Sie merkten es nicht, welche unwürdige Rolle man Sie ſpielen laſſen wollte, — Sie ſahen nicht, daß man Sie nur deßhalb guter Worte und aufmun⸗ ternder Blicke würdigte, einen Andern um ſo feſter zu umgarnen. Das war's, was ich meinte, als ich Ihnen aus dem Sumpfe heraushalf. Nun
i*ſt's heraus und jetzt iſt's an mir, für meinen Freimuth bei Ihnen um


