Jahrgang 
2 (1859)
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Von Alfred Hartmann. 103

ſtunde ſtecken wir wieder unter dem grauen thaufeuchten Mantel. Solche Nebelſpiele üben auf die Phantaſie einen viel größern Reiz als die klarſte Fernſicht. Schon Göthe ſagt, daß man die Bedeutung und das Weſen der Wolken erſt auf den Bergen recht begreifen lerne.

Unſre ſchöne Gräfin theilt meine Vorliebe fuͤr die Nebel⸗ und Wolken⸗ affekte nicht; ſie fürchtet den ſchlimmen Einfluß der feuchten Luft auf ihren Teint und bleibt lieber im Saal beim Kaminfeuer. Ihr gegenüber pflanzt ſich dann Maſter Jobſon auf und nimmt ein engliſches Zeitungsblatt zur Hand, ſo groß wie ein Tiſchtuch, und ſchaut durch ſeinen Augenzwinker abwechſelnd bald in das Blatt, bald über daſſelbe nach ſeiner Angebeteten. Ich für meinen Theil ziehe es vor, draußen herumzuſchweifen und, wenn ich keinen Begleiter finde, bald da⸗, bald dorthin einſame Entdeckungsreiſen zu machen.

So kam es, daß ich heute über eine hochgelegene Weide ging, auf welcher uralte Schirmtannen ſtehen,— Rieſematt nennt ſie Sennentoni, der für jeden Fleck Erde auf dieſem Gebirg einen Eigennamen weiß. Nach einer Weile entdeckte ich einen verborgenen Fußpfad, der in ſüdlicher Rich⸗ tung durch Wald und Strauch einen ſteilen Abhang hinunter führt; ich folgte dieſem Weg auf's Gerathewohl. Nach wenigen Minuten ſehe ich ein wohlbekanntes Plätzchen unter mir, das„Känzeli“, einen natürlichen Felſen⸗

balkon, der keck über eine wilde Schlucht herausragt. Vom Kurhaus führt ein bequemer ſchattiger Weg dahin; eine vielbeſuchte hölzerne Bank lehnt ſich an den Fels. Auch jetzt war das Plätzchen nicht ganz einſam. Das Frauenzimmer, welches ſich über das Geländer beugte und in die Schlucht hinunter blickte, wo weißgraue Nebel brodelnd hinauf und hinunter wogten, war keine andere, als Fräulein Babette. Die Gelegenheit war guünſtig (entſchuldige die Schiller'ſche Reminiszenz),— jetzt mußte ſie mir Aufklä⸗ rung über ihre Worte geben.—

„Sie legen der unbedachten Rede eines Mädchens allzuviel Gewicht

bei,“ erwiderte ſie mit einiger Verlegenheit meine Frage.—„So leichten Kaufs entrinnen Sie mir nicht, mein Fräulein,“ entgegnete ich.„Die Neugier, die Sie in mir aufgeſtachelt haben, gibt mir ein Recht, Sie um die Löſung des Räthſels zu bitten.“

Fräulein Babette ſchwieg eine Weile und ſchien ſich zu beſinnen. Unter uns kochten die Nebel; bald ſanken ſie, als wollten ſie im tiefſten Grunde der Schlucht ſich verkriechen, dann wallten ſie wieder auf, bis ſie beinahe unſre