Jahrgang 
2 (1859)
Einzelbild herunterladen

n,

:m

e⸗

Von Alfred Hartmann. 101

Der Abend kam heran. Es dunkelte ſchon merklich unter den dichten Zweigen der Tannen und Buchen, durch welche an lichteren Stellen der gelbröthliche Wiederſchein des weſtlichen Himmels nur mit Mühe zu dringen vermochte. Da erhebt unverſehens die Gräfin, welcher ich dicht auf dem Fuße folge, ein jämmerliches Huͤlfegeſchrei; faſt im nämlichen Augenblick ſtößt Maſter Jobſon, welcher der Dame ſeinen Arm aufgedrängt hatte, ein ſehr vernehmliches„damn“ aus. Das Paar war unvermerkt an eine ſum⸗ pfige Stelle gerathen. Die Gräfin ſteckte bis über die Knöchel im ſchwarzen Moraſt und ihr Cavalier, der ihr zu helfen bemüht war, arbeitete ſich ſelber immer tiefer hinein. Wie ein kluger Feldherr zog ich mir die Verlegenheit meines Gegners zu Nutzen; ſobald die Gräfin mit Hülfe unſeres Führers frei gemacht worden, trat ich galant an Jobſons Stelle und nun ging's

vorſichtig— um die ſumpfigen Stellen zu vermeiden, oft weit in den Wald hinein— vorwärts, während unſer Engliſhman mit Sonnenſchirm, Feld⸗

ſtuhl und Fernrohr beſchwert, wie ein angeſchoſſener Eber hintenher keuchte. Man ſoll den Tag nicht vor dem Abend loben. Bevor ich's verſehe, ſtecke ich ſelbſt bis zu den Knieen in einem verrätheriſchen Waſſertuͤmpel.—

Die Gräfin macht ſich kreiſchend von mir los und läuft davon,— Jobſon hinter ihr her! Hülflos und verlaſſen ſtecke ich— tiefer und tiefer verſinkend— im Moraſt. Cben ſchicke ich mich an, aus voller Kehle um Hülfe zu rufen, als ein rettender Engel vor mir erſcheint, mir zuerſt einen Alpſtock, dann ein weiches, weißes Händchen entgegenſtreckt.„Halten Sie nur feſt, Herr Profeſſor! Nun treten Sie mit dem linken Fuß auf jenen Stein,— jetzt mit dem rechten auf dieſen Baumſtumpf— und nun ſorgen Sie dafür, daß Sie nicht wieder hinein patſchen.“—„Wie kann ich Ihnen danken, Fräulein Babette!“—„Den Dank, Herr Profeſſor, begehr' ich nicht! Gehen Sie nur vorſichtig hinter mir her und überlaſſen Sie bis auf weiteres die Frau Gräfin ihrem Schickſal und dem Herrn Jobſon. Machen wir nun, daß wir den Andern nachkommen, ſie ſind ſchon weit voraus.“— Und wie ein Luftgeiſt ſchwebte die kleine Staufacherin vor mir her.

„Meiner wärmſten Dankbarkeit für Ihre barmherzige Samariterthat dürfen Sie unter allen Umſtänden verſichert ſein,“ keuchte ich, indem ich nach Kräften verſuchte, ihr auf der Ferſe zu folgen. Da blieb ſie einen Augenblick ſtehen und ſchaute zurück.„Danken Sie mir jetzt nicht,“ ſagte ſie.„Vielleicht iſt mir noch vorbehalten, Ihnen aus einem viel gefährliche⸗

ren Irrweg herauszuhelfen, als jener ſumpfige Waldpfad war.“—„Wie