100 Ueber den Wolken.
Maſter Jobſon ſchnallte den Feldſtuhl vom Rüucken und ſtellte ihn für die Gräfin auf einen möglichſt ebenen Platz; dann befeſtigte er ſeinen Son⸗ nenſchirm an einen der Bergſtöcke und ſteckte denſelben neben dem Feldſtuhl in die Erde. Fräulein Babette lagerte ſich ohne Umſtände auf die grüne Weide, und wir andern wußten nichts Beſſeres, als ihrem Beiſpiel zu folgen. Dann packte unſer freundlicher Wirth die Provianttaſche aus, in welcher Brod, kaltes Fleiſch und ein paar Flaſchen alten Rothweins vor⸗ ſorglich von ihm geborgen worden waren. Jeder erhielt ein Blatt Papier, welches den Doppeldienſt eines Tellers und einer Serviette leiſten mußte; die Stelle eines Beſteckes vertraten die Taſchenmeſſer und die fünf Finger der Hand; das einzige mitgenommene Glas machte fleißig im Kreiſe die Runde.
Ich zweifle, daß es je den roſenbekränzten Gäſten des Lucullus beſſer geſchmeckt hat, als uns auf unſerer luftigen Höhe. Freund Jobſon bedauerte zwar, ſein kompendiöſes Reiſebeſteck nicht mitgenommen zu haben, wofür er von der Gräfin wacker ausgelacht wurde, welche ihm die mit den zarten Fingerchen zerlegten und mit den weißen Zähnchen benagten Hühnerknochen in launigem Uebermuth an den Kopf warf. Nach vollendetem Bankett ward geraucht, geſcherzt, geplaudert. Die Comteſſe fand bald, daß wir andern auf dem weichen Raſenteppich uns beſſer befänden, als ſie auf dem Feld⸗ ſtuhle und lagerte ſich— zu des Engländers Verdruß und meiner um ſo größeren Freude zu uns ins Gras. Während ſie den Rauch ihrer Cigarette in den blauen Aether hinauf blies, ſandte Fräulein Babette mit heller Glockenſtimme einige fröhliche Jodler ins Thal hinunter. Es war, als ob von uns allen jeder Druck, alle Noth und aller Zwang des Lebens weg⸗ genommen worden wäre; wir mußten uns geſtehen, daß wir unſeres Ent⸗ ſinnens keine behaglichere, keine frohere Stunde je verlebt: wir hätten Hütten bauen mögen auf dieſen kahlen Bergesgipfel, wo uns ſo elaſtiſche Luͤfte umwehten, ſo milde Sonnenſtrahlen umwoben. Nur mit wehmüthi⸗ gem Bedauern traten wir endlich die Rückreiſe an.—
Weil die Gräfin in Beruͤckſichtigung ihres Reifrockes entſchieden gegen den ſchmalen Fußpfad proteſtirte, auf welchem wir hinauf gelangt waren, ſo ſchlug unſer Wirth und Führer einen andern Rückweg ein. Nachdem wir vorerſt den jähen nördlichen Abhang des Gipfels hinuntergeklettert, betraten wir einen Waldweg von ordentlicher Breite, welcher ziemlich mühe⸗ los auf der Schattenſeite des Berges entlang führte.
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