Jahrgang 
2 (1859)
Einzelbild herunterladen

Von Alfred Hartmann. 93

reden zu verbummeln im Stande wäre, wie es hier oben Brauch und Sitte iſt. Es muß in der Luft liegen. Da wandelt man einen ſchönen Theil des Morgens plaudernd auf der Terraſſe hin und her. Dann ſucht man ſich ein Schattenplätzchen aus unter dem Buchengebüſch am Fuße des Kur⸗ hauſes oder unter einer der uralten Schirmtannen, die zerſtreut auf der Weide herumſtehen. Die Männer rauchen, leſen, diskutiren; die Frauen⸗ zimmer, nun die kramen ihr unausweichliches Stick⸗ oder Strickzeug hervor(per parenthesin: meine Aſpaſia macht eine rühmliche Ausnahme, weder ſtrickt noch ſtickt ſte, ſondern raucht allenfalls zum Zeitvertreib ein paar Cigaretten). In beſonderer Gunſt bei den Damen ſind die Vorleſer. Ein Königreich für einen Aeſchylus oder Sophokles! Leider iſt hier kaum etwas anderes aufzutreiben, als etwa ein Roman von Dumas. Da ſtecke ich dann lieber meinen Horaz zu mir und mache einen einſamen Spazier⸗ gang. Wie viel leichter läßt ſich über dieſe Weiden und Matten ſchreiten als über das holperige Pflaſter der Gaſſen unſrer Muſenſtadt!

Bei dem Ausflug, den ich heute Morgen unternahm, kam Freund Horaz freilich gar nie zur Taſche heraus; es nahmen mich andere Dinge in Anſpruch. Du magſt Dich vielleicht daran erinnern, Doktorchen, daß ich als Student einmal den Rappel bekam, mit Dir zu botaniſiren; es war mir damals freilich mehr um die ſchönen griechiſchen und lateiniſchen Namen zu thun, als um die Pflanzen. Stelle Dir vor, daß mich heute wieder eine Anwandlung jener jugendlichen Laune befiel. Die Genzianen ſchauten ſo freundlich mit ihren blauen Augen zu mir herauf; da ragten ganze Buſchel der zarten parnassia palustris aus dem feuchten Graſe; sedum und saxifraga wucherten in den mit brauner Dammerde angefüllten Spalten der Felſen; im Waldesſchatten erhob lilium martagon ſeine ſtolze Blüthenkrone neben einer Menge bunter Orchideen. Du wirſt mich ohne Zweifel aus⸗ lachen, wenn ich Dir ſage, daß ich die ſchönſten Blumen, die ich fand, zu einem Strauße band.

Unvermerkt hatte ich einen der höchſten Punkte dieſes Theiles der Jurakette erreicht, man nennt dieſen Gipfel dieRöthen. D i*ſt dort noch ausgedehnter als beim Kurhaus, ſie iſt auch nach Norden offen. Nach dieſer Richtung ſieht man in weiteſter Ferne, gleich einem nikdrigen duftumſchleierten ſtahlblauen Wall, die Vogeſen; etwas deutlicher erſcheint der deutſche Schwarzwald. Bei klarem Wetter und günſtiger Beleuchtung kann man die blanken Häuſer der reichen Kaufherren von Baſel erkennen,