Jahrgang 
2 (1859)
Einzelbild herunterladen

88 Ueber den Wolken.

Sie es etwa nicht? erwiderte er.Da müßte ich mich erſtaunlich geirrt haben. Was war darauf zu antworten?

Aber nicht nur als Menſchenkenner, ſondern auch als Wetterprophet hat ſich unſer Gaſtgeber bewährt. Der Regen hat ſich gelegt und hie und da bekommt der Wolkenſchleier zu unſern Füßen einen kleinen Riß, durch welchen wir auf ein grünes mit Dörfern beſäetes und von Flüſſen durch⸗ zogenes Thal hinunterblicken können, freilich nur auf Augenblicke. Dieſe Ausblicke machen mich recht begierig auf die Fernſicht, die wir haben werden, wenn einmal der Wolkenvorhang ganz weggezogen ſein wird; es muß dann doch ein ganz pompöſes Schauſpiel ſein.

Nun nur noch ein Wort mit Dir, als meinem Leibarzt, Freund Aeskulap. Du kennſt meine nüchterne Lebensweiſe, Du weißt, wie geringer Mengen von Speiſe und Trank ich ſonſt bedürftig bin; da habe ich nun ſeit geſtern an mir eine bedenkliche Beobachtung gemacht. Nach Maßgabe des bekannten Schweizerappetits hält man auf dem Weißenſtein täglich nicht weniger als vier Mahlzeiten. Seit geſtern nun verſpuͤre ich vor jeder der⸗ ſelben in der Magengegend ein ganz eigenthümliches Gefühl, welches einige Aehnlichkeit mit dem Nagen eines Wurmes hat. Sollte dies nicht ein Symptom ſein, daß ich an der taenia solium, dem ſogenannten Bandwurm, leide? Ich erwarte umgehend Deinen ärztlichen Rath über dieſe unlieb⸗ ſame Entdeckung.

Ich muß ſchließen, da ich unten im Saal erwartet werde. Die liebens⸗ wurdige Pariſerin hat mir nämlich eröffnet, daß man heute keineswegs Blindekuh oder ähnliche vulgäre Spiele treiben, ſondern mir, dem Herrn Profeſſor, zu Ehren jeux d'ésprit machen werde. Du begreifſt, daß ich eine ſolche Aufmerkſamkeit nicht zurückweiſen darf. Auch iſt mir daran gelegen, mein linkiſches Benehmen von geſtern vergeſſen zu laſſen.

Fac, ut valeas! Stets Dein ergebener

G. Piſtorius. IV.

Die Schweizerberge ſind kapitale Burſche, Freund Doktor, das muß man ihnen laſſen. Ich wurde ganz betroffen, als ich heute früh den Kopf zum Fenſter hinaus ſteckte. Das Thal zu meinen Füßen war ein weites Nebelmeer und jenſeits ſtand das eisbepanzerte Hünengeſchlecht in Parade vor mir da, vom erſten bis zum letzten. Wer ſo ſchnell als möglich in die