Sagen aus Stadt und Stift Hildesheim.
ließ niemand in die Stadt außer Hans Hunger, der ward denn auch bald allerorts Küchenmeiſter und quälte die Leute gottserbärmlich.
Wie nun die Hungersnoth aufs höchſte geſtiegen war, ließ der Rath austrommeln, daß niemand bei Hals und Hand heimlich für ſich Lebens⸗ mittel bewahren ſolle, was ein jeder von Vorräthen habe, ſolle er auf's Rathhaus bringen, damit es zu gleichen Theilen gehe.— Als nun das Rathsgebot auch auf dem Altenmarkte ausgetrommelt wurde, und die armen Leute weinten und jammerten ob der Noth, ſtellte ſich der alte Stacketten⸗ flicker mitten auf die Straße, ſtemmte die dürren Arme in die Seiten und lachte, daß ihm die Augen übergingen. Da wurden die Leute bitterböſe und ſchalten und bedroheten den herzloſen Kerl, weil er bei ſolchen Wehe⸗ tagen noch lachen könne. Doch der Alte meinte:„warum ſoll ich euch dumme Teufel denn nicht auslachen? Ihr jammert um einen Brocken Brod, und die Hühner und Hähne ſitzen zu hunderten über euch auf den Dächern, ſchüͤtteln die Köpfe und wundern ſich, daß ihr ſie ungerupft und ungebra⸗ ten laßt!“—
Da guckten die wolfshungrigen Leute wohl nach den Dächern; als ſie aber dort nur zwitſchernde Sperlinge ſitzen ſahen— denn Sperlinge hat's allezeit in Hildesheim noch mehr gegeben, als in Ulm— wurden ſte ganz wild über den Spott und wollten den alten Böſewicht ſteinigen. Kaum aber hatte ein Schuſterjunge den erſten Stein gehoben, als der Alte laut aufſchrie:„kückerücku, kückerückeck, kömet alle beu meck!(kommt alle zu mir!)“ Und kaum war das Wort geſprochen, ſo erhoben ſich alle Sper⸗ linge der Stadt gleich einer finſtern Wolke über den Dächern und ſtürzten als tauſend und abertauſend kollernde und gackernde, wohlausgewachſene Hühner und Hähne in die Straßen herab, denn ſie waren ſo fett, daß ſie ſich nicht in der Luft halten konnten.— Hei, da ging's aber an ein Greifen und Halsumdrehen und ſpäter an ein Kochen und Braten, als ob der Bur⸗ gemeiſter Hochzeit hielte, und an die Stelle des Jammers und der Wehetage traten lauter Luſt- und Freudentage. Ja die Bürger wurden übermüthig, beſtiegen vor den erſtaunten Feinden die Wälle, tanzten und jubelten und warfen den Feind anſtatt mit Steinen und Kugeln, mit gebratenen Hühnern und Hähnen.
Wie das der feindliche Feldhauptmann ſah, ſagte er zu ſeinen Leuten: „Kinners, de Duͤwel helpet den Hilmiſchen!(Kinder, der Teufel hilft den Hildesheimern.)“ und kommandirte:„Rechtsum kehrt!“— Da zog das


