Jahrgang 
3 (1858)
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Der Sieg des Schmachen.

Eine Erzählung aus dem Ries.

Von

Melchior Meyr.

I.

Unter den Handwerkern iſt der Schneider von Alters her eine humo⸗ riſtiſche Figur geweſen; die Thatſache iſt unläugbar und nicht ſchwer zu erklären. Die ſitzende Lebensart und die Beſchäftigung mit der Nadel ſind nicht geeignet, die Gliedmaßen imponirend auszubilden und dem Körper jene Derbheit und Schlagkraft zu geben, die in rohern Zeiten vor allem Reſpekt einflößen. Die verhältnißmäßige Feinheit und Friedlichkeit der Arbeit be⸗ günſtigt die Reflerion, und wenn der Mangel an tuͤchtiger Bewegung eine Schwächung des Leibes zur Folge hat, ſo pflegt der Schneider ſich auch gewöhnlich nochdes Gedankens Bläſſe anzukränkeln. Das Metier weist ihn endlich darauf hin, ſeiner Erſcheinung etwas Zierliches zu geben und ſich ſelbſt den höhergeſtellten Perſönlichkeiten, die er durch ſein Talent ſtan⸗ desmäßig auszuſtaffiren hat, nach Möglichkeit anzunähern. In Folge von alledem wird der Schneider in der Regel eine ſchmächtige, bläßliche, reizbare, nette und putzige Figur mit einer überwiegenden Tendenz zur Vornehmheit in Haltung und Benehmen. Wie leicht er damit der komiſchen Nemeſis verfällt, ſieht man. Seine Reizbarkeit und ſeine Meinung von ſich ſelbſt verwickeln ihn in Händel, die ſeine Gliedmaßen ſiegreich durchzufechten außer Stande ſind. Das Bewußtſein, den Willen ſeines Herzens nicht durchſetzen zu können, gibt ſeinem Weſen ein eigenthümliches Gepräge von Reſignation, einen Ausdruck, der jedermann verräth, daß ein etwaiger Anlauf ſeinerſeits nicht gar ſchwer in einen Rückzug umzuwandeln iſt. Gleichwohl kann er ſeine Anſprüche nicht ganz verbergen, und der böſe Feind treibt ihn zuweilen

Hausblätter. 1858. III. Bd. 1