Aus der Knabenzeit. Von Hermann Kurz.
480
Daß bei der Gelegenheit auch mein ſtilles Antiquariatsgeſchäft entdeckt und gründlich niedergelegt wurde, läßt ſich leicht erachten. Nur kam die Maßfregel, wie ſo manche ähnliche, etwas zu ſpät. Dies iſt ſehr zu bekla⸗ gen, denn ohne Zweifel hat die Bücherverſchleuderung nachtheilige Folgen für mich gehabt. Zwar, daß ein„alertes Teutſchland“ bis zum heutigen Tage, eine kurze Fata Morgana abgerechnet, ein Luftſchloß geblieben iſt, das iſt gewiß nicht meine Schuld. Wohl aber ſcheint mir das denkbar zu ſein, daß mit dem zuletzt verkauften Buche mir auch das Teufelsbewußtſein, das, wie wir gehört haben, bei einem rechten Gottesbewußtſein nicht fehlen darf, abhanden gekommen iſt. Anwandlungen deſſelben haben ſich wohl im Lauf der Zeit und über dem Lauf der Welt ſchon eingefunden, aber ſchwerlich an der rechten Stelle; wenigſtens muß ich bezweifeln, ob ſie die erforderliche Approbation erlangt haben würden. Die ſpärlichen Erinne⸗ rungen, die mir aus dem zu Duten gemachten Buche noch vorſchweben, ſind mir ſeither durch manche andere Aufzeichnungen aus der Reformations⸗ zeit beſtätigt worden; aber in meinem alten„Teufelsbuche“ war eben alles viel ſchöner. Indeſſen habe ich die Hoffnung immer noch nicht ganz aufge⸗ geben, des verlornen Schatzes wieder einmal habhaft zu werden, um ſo mehr als die an meinem eigenen Beiſpiel gewonnene Erfahrung mich belehrt hat, daß eine umſichtige Nachforſchung ein litterariſches Kleinod bis in die letzten Stadien der Makulatur verfolgen muß, ja daß ſie es ſelbſt am Rande der Kleiſterſchüſſel noch ſeinem Verhängniß entreißen kann.


