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476 Aus der Knabenzeit.
Unbekannter, wenn dein Auge auf dieſe Zeilen fällt, ſo gib mir meine alte Bibel wieder! Ich verſpreche dir dagegen diejenige, die du mich zu kaufen gezwungen haſt. Es iſt eine ganz ſaubere Ausgabe, hat einen etwas größe⸗ ren Druck, und die alten Leibgeſchichten unſres Volkes, von Simſon und den Philiſtern, von Saul, David, Jonathan, Bathſeba, Tobias, leſen ſich vortrefflich darin. Nur läſe ich ſie lieber in meiner Erbbibel, obgleich dieſe die Augen mehr anſtrengt; denn einestheils hängt mein Herz an dem alten Familienbuche, anderntheils bin ich an den Schnitt mit den grünen, rothen, blauen, gelben Farben gewöhnt, der mich leichter nachſchlagen und das, was für mich apokryph iſt, überhüpfen läßt.
Nun, ſind doch dieſe und noch manche andere ähnliche Heimſuchungen wohl nur verdiente Strafen für die Verbrechen, die ich in meinen jungen Jahren an einer Sammlung achtbarer Bücher, wenn auch meiner eigenen, begangen habe. Da ſtand ich denn unſchlüſſig zwiſchen den beiden letzten Stücken meines Schatzes, zwei Lieblingswerken, von denen ich nie geträumt hatte, daß ſie das Schickſal der andern theilen ſollten, und deren eines jetzt unrettbar nach der Schlachtbank gebracht werden mußte. Das eine war das „Teufelsbuch,“ in dem ich ſo eben geleſen hatte; es trug ſeinen Namen von den zahlloſen Teufelsgeſchichten, die es erzählte, ſowie von den Bildern, in welchen Teufel, Geſpenſter, Hexen und dergleichen Unholde mit verſchwen⸗ deriſcher Phantaſie dargeſtellt waren. Ich habe nie ſeitdem ſeinesgleichen wieder geſehen. Das andere war„das beunruhigte, doch alerte Teutſch⸗ land,“ eine Art Zeitung vom Ende des 17ten Jahrhunderts in mehreren Bänden, worin die Kämpfe des Reichs mit Ludwig XIV. geſchildert waren. Auch dieſem Werke war ich ſehr zugethan, denn es hatte trotz ſeiner Per⸗ rückenſprache einen friſchen Ton voll patriotiſcher Begeiſterung, und ließ überall ohne Ausnahme die deutſchen Waffen ſiegen. Hiedurch brachte die wohlmeinende Geſchichtsquelle, die nicht bis zum Ryswicker Frieden reichte, eine ſtarke Verwirrung in meine hiſtoriſchen Vorſtellungen, und ich bin ihr ſpäter, als ich dieſelben empfindlich berichtigen mußte, ein wenig gram ge⸗ worden; damals aber konnte ich mich nur ſchwer von dem Buche trennen. Und doch mußte es ſein; denn die wunderbaren Geſchichten, die in dem andern Buche ſtanden, glaubte ich noch weniger miſſen zu können. Es war mir peinlich zu Muth, aber mein kleines Ich war nun eben einmal durch den Kribskrabs geſelliger Vanitäten auf jene geneigte Ebene geführt worden, die ſchon manches größere Ich gewandelt iſt, bis es von der Erfahrung noch


