zarter
Von Hermann Kurz. 475
blanken Goldſchnitt, den es geſchloſſen zeigte, einen zweiten bunten Schnitt verbarg, der erſt beim Oeffnen hervortrat, die verſchiedenen Schriften alten und neuen Bundes zur Erleichterung des Nachſchlagens farbig unterſchei⸗ dend; und wenn ich das theure Familienſtück, woran ſo viele Erinnerungen hafteten, zur Stunde nicht mehr habe, ſo iſt dies nicht meine Schuld, ſon⸗ dern die Schuld der unvollſtändig entwickelten Rechtsbegriffe, welche mancher ſonſt biedere Mann dem gedruckten und gebundenen Eigenthum gegenüber hat.
Es iſt unter den Nationalökonomen herkömmlich geworden, die Kul⸗ turſtufen nach dem Verbrauch der Seife zu klaſſificiren. Hiemit iſt zugleich ſchon ein zweiter Maßſtab berührt, der des Verhaltens zu den Büchern, ſofern nämlich der Zuſtand mancher Bücher, wenn man ſie vom Entlehner zurückerhält, die tusculaniſche Frage nach dem Seifenverbrauche deſſelben in Anregung bringt. Freilich, wenn man ſie zurückerhält; und dieſe weitere Frage löst den zweiten Maßſtab vom erſten ab. Denn daß gleichfalls ſehr viele Leute, die ehedem zu den„gebildeten Ständen“ gehörten und jetzt zu den„gebildeten Leſern“ gehören, ein Buch bei ſeinem Verfaſſer entlehnen, und daß dieſer es für eine ſchmeichelhafte Anerkennung nehmen muß, wenn man ihm ſagt, man halte das Buch zu werth, um es ihm heimzugeben, das iſt noch das Geringſte; aber gar nichts Seltenes iſt es, daß Bücher, die ihren Beſitzer ſein ſchweres Geld gekoſtet haben, als gänzlich ungebundenes Eigenthum betrachtet oder vielmehr geradezu als herrenloſes Gut ſequeſtrirt werden. Man nennt dies„ſchießen“, und die tugendhafteſten Seelen, die ſonſt in Dingen von Geld und Geldeswerth gegen ſich und Andere mit löb⸗ licher Strenge verfahren, ergeben ſich ſolcher Arquebuſade, ohne daß ihnen ein graues Härchen drüber wächst. Allerdings walten, das muß ich zu⸗ geben, eigennützige Beweggründe bei dieſer Obſervanz nicht vor, denn ſonſt hätte ich gar nichts mehr von meinem Göthe, da er mir doch in den zwanzig Jahren, ſeit ich ihn gekauft habe, allmälig nur etwa bis auf die Hälfte eingeſchmolzen iſt; allein ſo tröſtlich die Betrachtung ſein mag, ſo wenig nützt ſte mir, einem Pechvogel, dem es faſt regelmäßig widerfährt, daß das Bändchen, in dem er gerade etwas aufſchlagen will, ſich unter den „geſchoſſenen“ befindet. Daß mein Schiller noch ganz iſt, wundert mich nicht; denn niemand entlehnt ihn, weil jedermann ihn hat. Das Gleiche aber ſollte man doch wohl auch von der Bibel vorausſetzen, und ich muß in mehr als einem Sinn den Kopf darüber ſchütteln, daß eine Bibel irgend⸗ wo hängen bleiben konnte. Darum, wer du auch ſein mögeſt, ruchloſer


