Jahrgang 
3 (1857)
Einzelbild herunterladen

474 Aus der Knabenzeit.

Uſucaption in keinem andern Sinne angetreten; da ich aber häufig mit meinem frühzeitigen gelehrten Beſitze prahlte, ſo mußte ich gar bald von unterrichteter Seite hören, daß dieſe Tröſter längſt überholte Größen ſeien, und daß ich meine Studien dereinſt aus neugefaßten, nicht mehr ſo breiten, aber um ſo tieferen Brunnen ſchöpfen müſſe. Dies wurmte mir ſehr, und da zu jener Zeit eben die Kirſchen reif waren, die einzige Obſtfrucht, die mir nicht in befreundeten Gärten und Feldern in den Mund wuchs, ſo ließ ich kurz entſchloſſen meine Theologen den Weg alles Fleiſches oder vielmehr alles Käſes gehen, das heißt, ich trug ſie nach und nach zum gründlichſten der Antiquare, zu demjenigen, der die ledernen Deckel bei Seite warf und den Inhalt als Packpapier dem Pfund nach kaufte, gerade wie ich meine Kirſchen. Bei einem ſo wenig ausgiebigen Erlöſe mußte ſchon der mäßigſte Appetit furchtbar unter der Theologie aufräumen, der ich jedoch die mer⸗ kantile Dienſtbarkeit auch dann nicht erlaſſen konnte, als, von den zarten Jakobiäpfeln an, die Fülle des ſommerlichen und herbſtlichen Obſtes auf mich herabregnete; denn nun kamen andere Ausgaben, die der geſellige Anſtand erforderte, für Bälle, Marbel, Drachen, Schwimmblaſen, Pulver und was die wechſelnden Jahreszeiten mit ſich brachten, die ſtändige Poſttion der Leihbibliotheksgebühren nicht zu vergeſſen. Bei ſolcher Grundſtocksver⸗ waltung hatte ich bald genug mit den Folianten reines Feld gemacht und mußte nun meine Opferwahl auf verwandte, ja auf andere Fächer aus⸗ dehnen. Noch lebhaft iſt es mir erinnerlich, welche Ueberwindung es mich gekoſtet hat, einen würdigen Burtorf hebräiſch lernen zu laſſen, deſſen er doch gewiß nicht bedurfte; ich hatte aber gehört, daß das jetzt lebende Ge⸗ ſchlecht durch eine andere Thüre in die Geheimniſſe der Suffixen eingehe, und darum—„fort mit Schaden!“

Der Feuerteufel, der dem Dicken in den Aermel fuhr, hatte die letzten Tropfen dieſer Einnahmequelle mit ſich genommen, oder ich konnte dieſelbe wenigſtens nicht ohne die brennendſten Gewiſſensbiſſe weiter fließen laſſen. Außer einigen Scharteken, die nicht ins Pfundgewicht fielen, waren jetzt noch drei Hauptwerke übrig, und unter dieſen bloß zwei, die in Frage kom⸗ men konnten, denn das dritte war eine Bibel, die ich nur als ſehr ent⸗ ferntes Eigenthum beſaß, ſofern ich nicht eher als am Tage meiner erſten Predigt in ihren Vollbeſitz kommen ſollte. Aber auch ohne dieſes Hinderniß hätt' ich und hab' ich ſie immer heilig gehalten, die alte Bibel, das Meiſter⸗ ſtück eines jungen Buchbinders im vorigen Jahrhundert, das unter dem