Jahrgang 
3 (1857)
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470 Aus der Knabenzeit.

letzten Unterſuchung, die leider als Bruchſtück nach ſeinem Tode veröffent⸗ licht iſt, hat er eine nicht mit Gold aufzuwiegende Notiz aus dem ſeltnen Buche mitgetheilt, und die ſeitdem weiter fortgeſchrittene Wiſſenſchaft be⸗ durfte nur einiger Worte mehr daraus, um eine ganze Kette von Ent⸗ deckungen aus der Tiefe zu heben; ſtatt dieſer aber erhält man von ſeinem Nachfolger in dem betreffenden Fache die niederſchlagende Kunde, daß das Buch trotz aller angewendeten Mühe nicht zu Handen zu bringen geweſen ſei. Schmerzlich blickt man in den gähnenden Abgrund, der ſchon ſo viel Geiſt und Wiſſen verſchlungen hat,„und immer fragt der Seufzer: wo?“

Ich halte es demnach für lehrreich, die Geſchichte eines ſolchen Bücher⸗ ſchickſals zu erzählen, eine Geſchichte, deren Held zu ſein ich mir nicht eben beſonders zur Ehre rechne.

Ich ſaß an einem ſchönen Oktobernachmittag allein im Stüblein meiner alten Tante, die mit der großen Zinnflaſche und einem nicht minder großen Käſelaib ins Feld zu ihren Arbeitern gegangen war, und las in einem alten Buch gar wunderſame Hiſtorien. Da wurden entſetzliche Zauber⸗ künſte beſchrieben, vermittelſt welcher die Leute ſich unſichtbar machten, durch die Lüfte flogen oder gar aus der weiteſten Entfernung ihre Feinde durch ein unerhörtes Contumacialverfahren in eftigie tödteten, nämlich durch einen Schuß in ein Wachsbild, das die Perſon des Entfernten vor⸗ ſtellte. Der Autor, der in der Reformationszeit als Anhänger Luthers ſchrieb, legte dieſe nekromantiſchen Unthaten ſehr handgreiflich der alten Coönfeſſton zur Laſt, ſo daß ich anfangs meinte, die Reformation habe dem ganzen Zauberglauben ein Ende gemacht; war ja doch ohnehin nach meinen proteſtantiſchen Geſchichtsbüchern kein Zweifel darüber, daß bis vor drei⸗ hundert Jahren tiefes Dunkel den Erdkreis bedeckt habe und erſt mit dem Jahre 1517 das Licht aufgegangen ſei. Ich wußte freilich damals noch nicht, daß der Proteſtantismus in nicht viel mehr als einem Jahrhundert ſo viel oder mehr Heren verbrannt hat als das ganze katholiſche Mittelalter in allen ſeinen Jahrhunderten zuſammen, und daß die Rechnung ſich nur dadurch ausgleicht, daß eben in jenem furchtbaren Jahrhundert beide Con⸗ feſſtonen mit einander gewetteifert haben, dem Teufel Braten zuzuſenden. Bald aber wurde ich über meinen Irrthum belehrt, als ich Reden und Erzählungen der Reformatoren ſelbſt las, in welchen ich den uralten Zau⸗ berglauben erſt wieder recht aufleben ſah. Ich könnte nicht ſagen, daß mich dies verdroſſen habe; im Gegentheil, je graulicher die Erzählungen waren,