Jahrgang 
3 (1857)
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Sprich⸗

rzulege

Von Hermann Kurz. 469

eigene Hauschronik, die der Kulturgeſchichte unerſetzliche Lebensbilder, der Sagenforſchung unſchätzbaren Stoff darbieten würde! Noch im fünfzehnten Jahrhundert hat erweislich manche dieſer Chroniken geblüht, hoch in Ehren gehalten und von keinerlei Verwahrloſung bedroht. Wo iſt ſie? Vermuth⸗ lich im Bauernkriege mit den Verzeichniſſen der Rauchhühner im Rauch aufgegangen.

Aber ſeit der Erfindung, deren feſſelloſes Walten ſo viel zum Brande

jener Zeit beigetragen hat, und deren gefeſſelte Wirkung noch ſubverſiver iſt,— ſeit der Kunſt die Bücher durch den Druck zu vervielfältigen, ſollte man glauben, daß ihr dunkles Fatum verſöhnt ſei. Nichts weniger als das. Ganze Auflagen ſind vom ſchwarzen Strudel der Vergeſſenheit dahingeriſſen worden. Einzelne Fälle dieſer Art erklären ſich. Von der Bibel, in welcher die rachſüchtige Frau des Druchers die Stelle„Und er ſoll dein Herr ſein“ in die Worte„Und er ſoll dein Narr ſein“ verwandelte, wird man ſchwer⸗ lich irgendwo etwas ſehen. Ich weiß nicht mehr, wie zeitig das Verbrechen entdeckt wurde, aber ſo viel ich noch weiß, kam die Entdeckung zeitig genug, um die Ausgabe auch nur eines einzigen Eremplars zu verhüten; man brauchte alſo nur das Wort im Satz zu ändern, den Bogen neu zu drucken und von der ſacrilegiſchen Correctur, die der Frau den Kopf koſtete, jeden Abzug zu verbrennen. Die gleiche Erekution iſt manchem Buche zu theil geworden, das für Staat oder Kirche mißliebig war; doch kennt man Bei⸗ ſpiele, daß die Vorurtheilsloſigkeit oder Eitelkeit der mit der Vernichtung beauftragten Gerichtsperſonen für die Nachwelt dankenswerthe Fürſorge getragen hat.

Wiederum Auflagen von Büchern, für welche die Mitwelt blind war, ſind vom zürnenden Verleger makulirt worden, und dieſer Klaſſe dürften die meiſten der Dahingegangenen angehören; doch das Naturgeſetz, daß kein Buch ganz ohne allen und jeden Abſatz iſt, hat einige wenige Exemplare gerettet, welchen eine ſehendere Nachwelt, ſehend wenigſtens für die Werthe und Schätze der Vergangenheit, leidenſchaftlich nachjagt. Aber auch nach ihnen, und wenn ſie ſchier auf allen Gaſſen als Koſtbarkeiten ausgerufen ſind, ſcheint beſtändig aus der Nacht hervor eine dunkle Hand zu greifen, die ſie neidiſch und argliſtig dem Licht entziehen will. Wer hat nicht mit Wehmuth in gelehrten Abhandlungen von manchem verſunkenen Horte dieſer Art geleſen? Noch vor dreißig, zwanzig, zehn Jahren beſaß ihn ein ge⸗

lehrter Forſcher, der ihn wie einen Drachenſchatz bewachte. Noch in ſeiner