Aus der Knabenzeit.
Von
Hermann Kurz.
Das Autodafé.
Bücher haben ihre Schickſale, das iſt ein altes bewährtes Sprich⸗ wort. Und dieſe Schickſale ſind oft noch dunkler als der Tod des großen Barbaroſſa, von welchem ſeine chriſtlichen Zeitgenoſſen trotz aller Bewun⸗ derung ihres Helden ſo wenig brauchbare Nachrichten aufgezeichnet haben, daß wir heute noch nicht darüber im Klaren wären, wenn nicht glücklicher⸗ weiſe die Saracenen einen helleren Sinn für Geſchichtſchreibung beſeſſen hätten. Aber wie manches Buch iſt ſpurlos in den Abgrund eines räthſel⸗ haften Verhängniſſes geſunken, ohne daß ein Geſchichtſchreiber zugegen war, der uns eine Erklärung dieſes Verſchwindens hinterlaſſen konnte! Wo ſind die verlornen Bücher des Livius hingekommen? Warum ſind gerade dieſe unſichtbar geworden und warum ſind die andern erhalten geblieben? Aus Karls des Großen Zeit fließen uns Urkunden und Aufzeichnungen aller Art reichlicher als in den folgenden Jahrhunderten; aber wo ſind die Volks⸗ dichtungen, die er ſammeln ließ und um die wir ewig klagen müſſen? Nun, letzteres iſt eine Frage, die man nicht eben dem delphiſchen Gott vorzulegen braucht. In dieſen Liedern ſchlug der vollſte Puls des Heidenthums, das er ſo eben ſelbſt mit Feuer und Schwert hatte ausrotten helfen, und der Zug, der ihn uns theuer macht, der ihn hoch über ſein Nachbild Napoleon erhebt, mußte der Kirche als eine verwünſcht widerſpruchsvolle Grille des großen Mannes erſcheinen, die, als ſein volksthümlicher Geiſt und ſeine ſtarke Fauſt nicht mehr walteten, unter ſeinem frommen Sohne leicht auszutilgen war. Wie manches Schloß ſodann hatte im Mittelalter ſeine
* Dem nächſtens erſcheinenden erſten Bande„Geſammelte Erzählungen“ von dem Verfaſſer entnommen.


