Jahrgang 
3 (1857)
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Uchel

Von Franz Breda. 467

beſtürzt zurück, faßte ſich jedoch und beſann ſich wenigſtens darauf, daß er ein neues Geſicht vor ſich habe und Briefe und Zeitungen wolle. Das ſagte er denn auch. Als aber der Beamte nun ſelbſtverſtändlich fragte:„wie heißen Sie?“— kam er in bittere Verlegenheit.„Wie ich heiße?“ wieder⸗ holte er faſt tiefſinnig,—„ja, wie heiße ich denn?— Wie heiß ich denn?“ — und brach endlich zornig in die Worte aus:„was geht das Ihn an? Moleſtire Er mich nicht und geb' Er mir meine Briefe!“—„Was fällt Ihnen ein?“ replicirte der entrüſtete Beamte.„Gehn Sie zum Henker, Sie alter Narr!“ Und damit ließ er das Fenſter nieder und öffnete auch nicht mehr, wie laut der Diakonus pochte und ſchalt, ſondern ging endlich zum Poſtmeiſter, um dieſem den Fall zu expliciren. Als derſelbe mit ihm zurück kam und ſogleich den alten Herrn erkannte, rief er verwundert:„aber das iſt ja der Herr Diakonus!“— Und darauf ſprach dieſer mit einem tiefen Seufzer:„na Gott ſei Dank! Wer kann ſich auf alles beſinnen, was läſtige Menſchen fragen? Alſo, Herr Frager— da hört Er's: Zeitungen und Briefe für Herrn Diakonus!“

Von der Zeit an hieß er in Stadt und Land erſt recht:„Herr Dia⸗ konus,“ und ſein eigentlicher Name kam immer mehr in Vergeſſenheit. Ja, ich habe denſelben erſt in ſeiner Leichenrede vernommen.

Im Herbſt 1845 herrſchte die Ruhr bei uns zu Lande im hohen Grade und es ſtarben viele Leute daran. Unter andern ward auch Katharine Zum⸗ fall befallen und ſtarb nach kurzer Zeit. Obgleich der Herr Diakonus ihr ſelbſt die Leichenrede hielt und dabei— ſo viel man wußte, zum erſtenmal mit Thränen in den Augen— viel von den Fehlern der Verſtorbenen, aber auch von der Langmuth Gottes ſprach, ſo paſſirte es ihm doch faſt täglich, daß er noch nach ihr rief und ihr, wenn ſie natürlich nicht erſchien, mit donnernden Worten alle möglichen Schrecken verhieß. Seine Zerſtreut⸗ heit war nie früher ſo auffällig geweſen.

Wenn man ihm dann endlich die Wirklichkeit begreiflich und erinner⸗ lich machte, ſagte er wohl wehmüthig:„ja ja, ich habe die alte Perſon oft ein Rippenſtück genannt,— und was iſt ein Weib auch mehr?— Aber was will ein Menſch anfangen, wenn ihm plötzlich eine Rippe im Leibe fehlt?“

Er ſchien Recht gehabt zu haben, denn drei Wochen ſpäter fand man ihn eines Morgens todt in ſeinem Bett.— Es war ein Glück für ihn; er paßte nicht mehr in das jetzige Leben, und es war ſchon die Rede davon geweſen, ihn zur Ruhe zu ſetzen. Das hätte er doch nicht überlebt.

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