466 Aus dem Poſt⸗ und Reiſehandbuch eines Schulmeiſters.
Denn bei einer ähnlichen Weigerung von ihrer Seite, war er plötzlich mit einem Licht in der Hand an der Küchenthür erſchienen— die Küche ſelbſt betrat er nie— und hatte ihr einen angezündeten Schwärmer nach dem andern vor die Füße geworfen, bis er ſie durch dies feurige Ueberredungs⸗ mittel wirklich aus der Küche auf den Flur hinausbrachte. Ohne von den Nachbarn, welche auf das Geſchrei, das Klirren der zerſpringenden Fenſter und den hervorquellenden Dampf hülfreich herbeieilten, im Geringſten Notiz zu nehmen, hatte er dann zu der vor Grimm und Schreck halb Ohnmächtigen auf dem Flur ganz kaltblütig geſagt:„ſteht Sie, Sie altes Rippenſtück, da iſt Sie heraus! Und nun, weßhalb hat Sie die armen Thierlein wieder vergeſſen?“— Lachend zogen die Nachbarn wieder ab, aber vom Conſt⸗ ſtorium kriegte er einen derben Verweis und eine ernſte Verwarnung vor der Wiederholung eines ſolchen Aergerniſſes. Doch daraus machte er ſich nichts.
Der„Allerwelts⸗Diakonus“ bezog ſich gleichfalls auf einen frühern Vorfall. Ich habe ſchon oben von ſeiner Zerſtreutheit geredet, die über die Maßen groß war, größer als ich es je bei einem verſtändigen Menſchen für möglich gehalten. Ich will nicht von Verwechslungen reden, wie er ſtatt der Agende den zuletzt durchleſenen alten Kirchenvater unter dem Arme in die Kirche und auf die Kanzel trug,— oder bei einer Trauung ganz harm⸗ los fragte, wo denn das zu taufende Kind bleibe? Auch nicht davon, wie ihn der Küſter mehr als einmal ganz erſchrocken in ſeinem gewöhnlichen Rock zum Gottesdienſt kommen ſah und ihm kaum begreiflich machen konnte, daß er die Amtstracht vergeſſen. Aber es war auch vorgekommen, daß er die Kanzel, nachdem der letzte Liedervers geſungen, das Gebet geſprochen und die Cvangelien- und Epiſtelverſe vorgeleſen waren, plötzlich verlaſſen und dem herbeiſtürzenden Küſter auf ſeine Frage nach dem Grunde ver⸗ drießlich zur Antwort gegeben hatte: was er denn wolle? Er habe ja ſeine Predigt ſchon gehalten!— und auch im feſten Glauben ſtand, daß dies wirklich geſchehn. 7
Der Vorfall aber mit dem„Diakonus“ war folgender. Bei der Rück⸗ kehr von ſeinem Spaziergange trat er jedesmal in die Poſt, um ſeine Briefe und Zeitungen abzuholen. Er langte, da dies täglich geſchah, dann ohne ein Wort in das kleine Fenſter und erhielt von dem gleichfalls ſchweigenden Poſtbeamten, was ſich für ihn vorfand. Eines Tags jedoch ſtand ein neuer Beamter dort, der ihn nicht kannte und auch nicht inſtruirt war und ihn daher barſch fragte:„was wollen Sie?“— Der Diakonus fuhr ganz
-——


