Von Friedrich Lampert. 471
in den engen kleinen Räumen des Schweizerhauſes ihr nächtliches Unter⸗ kommen fanden, davon iſt mir keine Wiſſenſchaft geworden; und ich muß dem lieben Leſer dieſes allerdings nicht unintereſſante Räthſel ungelöst laſſen.— Ich war auch egoiſtiſch genug, mich nicht weiter darum zu bekümmern, indem ich mir durch mein zeitiges Ankommen ein zwar ſehr enges, aber ganz hübſches Stübchen geſichert hatte, alſo einer ruhigen Nacht entgegen ſehn konnte, wenn gleich auch ich in Anbetracht der Um⸗ ſtände einen Zimmergenoſſen hatte aufnehmen müſſen.
Es iſt doch ein Glück, wenn man einer Stadt angehört, als deren Sohn man im fernſten und entlegenſten Erdenwinkel ſofort erkannt wer⸗ den kann; das muß ein Gefühl der Sicherheit und der Weltbedeu⸗ tendheit geben, wie es ſonſt der arme, einheitsmangelnde Deutſche nicht haben kann. Mein Stubenburſche— verzeihe mir, ſchöne Leſerin, dieſen Rückfall in die Terminologie des Studententhums— war ſolch ein Glücklicher.„Ach, Herr Jeſes, heren Sie mal, Sie Guteſter, dieſes Rügen!“— Das war doch zweifelsohne ein Leipziger, ein ächter, wahrer Sohn meines guten, alten, unvergeßlichen Leipzigs.— Die Anrede war mir von dem nach der erſten flüchtigen Begrüßung emſig in ſeinem Reiſe⸗ ſack Kramenden— ein wenig überraſchend gekommen; jetzt ſtand er vor mir in Hemdärmeln und Pantoffeln, in der ganzen Aufregung, in der ein großer Gedanke ans Licht treten will. Ich ſah von meinem Notiz⸗ buche, in das ich eben den Tageslauf eintragen wollte, auf.„Und dieſes
Rügen?“ fragte ich.—„Ach, ſehn Sie mal, Guteſter, das kommt mir vor, wie Amerika.“—„Wie Amerika?“—„Ja, das Meer und die Fruchtbarkeit!“— Dieſes tertium comparationis zwiſchen der neuen Welt
und der kleinen Inſel der Oſtſee war mir freilich überraſchend; der Tag ging reich für mich zu Ende; hatte er mir doch noch dies intereſſante Problem gelöst, wie ſich ein Leipziger Amerika vorſtellt.—
Am folgenden Morgen hieß es auch hier wieder Fahrwohl!— ich ſchritt wieder hinein in den morgenfriſchen, ſtillen Wald, aus der Stubbnitz der Granitz zu.—„Du ſchöner Wald, wer hat dich aufgebaut?“— habt ihr das noch nicht ſingen hören, das prächtig ſchöne Lied? oder habt ihr es nicht ſelber vor euch hergeſungen, wenn ihr ſo am friſchen, duf⸗ tigen Morgen durch den Wald gezogen ſeid? Nicht wahr, da wird die Bruſt weit und das Herz aufgethan, und in der Seele jubelts, wenn ſo die ſtattlichen Bäume Einem den Morgengruß rauſchen und die Thau⸗


