24 Mädchenbriefe.
ſie lebte wie ein Kind, von einem Tage auf den andern, immer in Hoff⸗ nung auf beſſere Zeiten.
Da bekam er Briefe,— er mußte ſchleunig nach Hauſe reiſen, wie er ſagte. Bertha begleitete ihn bei ſeinem Gehen noch bis an die Gartenthüre, müde und ſchwach, wie ſie war, ſie ſah ihn ſo ſelig und ſo traurig an mit ihren ſchönen Augen,—„leb wohl, leb wohl,“ ſagte ſie tauſendmal, „wenn du wieder kommſt, bin ich geſund.“ Warum hat er ſie nicht ſterben laſſen im Glauben an ſeine Liebe?
Bald nach ſeiner Abreiſe kamen wieder Briefe von ihm,— von ſeiner Frau Mutter,— an Bertha's Vater und Mutter, an ſie ſelbſt,—„man ſollte es ihr recht ſchonend beibringen,— es würde für ihre eigene Ruhe beſſer ſein,“— weiß nicht, was ſie als für ſchöne Worte machten, weiß auch nicht, wie man es der Bertha mitgetheilt,— ſie hat nicht viel darüber geſprochen, aber von dem Tage an war ſie auf ihren Tod bereit. Zu mir ſagte ſie nur einmal mit ihrer alten holdſeligen Freundlichkeit:„es iſt recht gut, daß ich nun weiß, wie es mit mir ſteht, ihr Alle ſeid viel zu gut ge⸗ weſen, nun kann ich mich rüſten zum Abzug.“
Ihre Schwäche nahm raſch zu, aber ſie iſt ſchön geblieben bis auf die letzte Stunde, freundlich und geduldig in all ihren Leiden. Kein einzig bit⸗ teres Wort über den Ferdinand kam über ihre Lippen, ſie ſagte oft und oft: nich bin doch recht glücklich geweſen, mein ganzes Leben lang.“
An ſchönen Tagen trugen ſie die Brüder noch in ihr Gärtchen, man hatte die Steinbank mit weichen Kiſſen belegt,— da ließ ſie auch noch Kin⸗ der zu ſich kommen, im Zimmer konnte ſie kein Geräuſch mehr ertragen. Die Leute vom Dorf, denen ſie ſo viel Gutes gethan, ſchlichen dann nur ſtill am Zaun vorüber, ſie hätten ſte gern noch einmal geſehen, und grüßten ſte von weitem, ſie nickte Allen freundlich mit dem Kopfe, reden konnte ſte nicht mehr viel.
Wie ſie es erfahren, daß der Ferdinand ſich wieder verheirathet, weiß ich nicht, die Eltern und Brüder waren ſo erbittert über ihn, daß ſie viel⸗ leicht ſelbſt nicht vorſichtig mit der Nachricht waren; ich dachte mein Theil, ſagte aber nichts über ihn, darum blieb ſie gegen mich zutraulicher als gegen die Andern.
An einem gar ſchönen, warmen Tag im September war ſie zum letz⸗ tenmal im Gärtchen, ich durfte bei ihr ſein, da zeigte ſie mir ihre allerſchön⸗ ſten und liebſten Pflanzen und bat mich, die recht ſorgfältig herausnehmen


