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zu ſeinen Füßen. Im Sockel war„Freundſchaft“ mit goldenen Lettern eingeſchnitten.
Ein Brief von der Hand Lady enthielt auf der einen Seite die Worte:„Ich bin oft das Werk eines Augenblickes“; auf der anderen war zu leſen:
„Mich verband der Zufall mit Ihnen, nehmen Sie die Hand der Schweſter als Schweſter an, verſprechen Sie mir Ihre Liebe und beſuchen Sie übermorgen Abend das Balffeſt, welches ich Ihnen zu Ehren veranſtaltet habe.“—
„Diesmal kann ich“, ſagte der Notar, dem die Baronin von der an ſie ergangenen Einladung Mittheilung machte, „Sie nicht begleiten; als Geſellſchafter mag ich noch gelten, als Ballgaſt würde ich eine lächerliche Figur ſpielen, im Uebrigen bedurf meine Freundin keines Schutzes, ſie ſelbſt iſt ſich des rechten Weges bewußt.“
Derſelbe Diener, welcher die Einladung an die Baronin abgab, überbrachte an vier, zum„Hofſtaate“ der Lady ge⸗ hörige Herren die Einladung, ſie auf einen Augenblick zu be⸗ fuchen; die Worte waren dieſelben, nur die Stunde, in welcher ſie die Aufwartung der Geladenen empfangen wollte, eine verſchiedene.
Keiner wußte von der Einladung des Anderen, Keiner von der verſchiedenen Stunde.
„Sie werden“, begann die Lady zu dem Erſten,„von meiner Einladung etwas betroffen ſein, indeſſen mit einigem Scharfblicke das Intereſſe nicht verkennen, das ich an Ihnen nehme. Ich vertraue Ihnen ein Geheimniß an und verrathe vielleicht das meinige; ſei es darum, mögen Sie Nutzen dar⸗ aus ziehen. Paris beſitzt jetzt die ſchönſte Frau, eine vom Morgen erſchloſſene Roſe, die von der Bewunderung, die ſie erregt, keine Ahnung hat. Hehr glücklich und ſehr geſchickt, wer ſie pflückt. Ich weiß nht, was mich veranlaßt zu glauben, daß Sie dazu das Geſchick auserſehen.“
„Aber, angebetete Lady“, antwortete mit Zuverſicht der junge Mann,„wie kann man das Ziel erreichen, wenn man ſtets ein anderes feſt im Auge hat?“
„Spielt dieſe Galanterie auf mich, ſo lege ich Ihnen die Erreichung des Zieles als erſte Pflicht auf.“
„Sie iſt unmöglich zu erfüllen.“
„Nicht ſo ganz. Die Baronin iſt die Unſchuld ſelbſt, aber etwas romanhaft. Damit Sie das Intereſſe erkennen, das ich an Ihrem Ruhme nehme, will ich bei der Eroberung Ihre Führerin ſein.“
Die Frau als Rathgeberin eines Mannes iſt ein Spion auf dem feindlichen Felde.—
Das gleiche Spiel mit nur einigen Variationen ſpielte ſie mit den Uebrigen, obſchon ſie von dem Scharfſinn der Herren wenig, Alles aber von Pierre hoffte, dem ſie ſelbſt die Mittheilung über das bevorſtehende Ballfeſt machte.
„Sie werden auch die Baronin bei mir finden, vielleicht iſt das ein Motiv, meine Cirkel, die Sie ſo lange gemieden haben, wieder zu beſuchen.“
Ihrem Scharfſinn entging die freudige Erregung nicht, mit welcher Pierre zu kommen verſprach; ſie diente nur, die Glut des Haſſes gegen die ſchöne Nebenbuhlerin zu ſchüren.
Der Tag des Feſtes kam und an ihm die Baronin, ein⸗ fach, aber mit Geſchmack gekleidet.“
Welch ein Abſtand von der Lady, ſtrahlend im Glanze der Steine. Die Baronin trat mit Pierre zum Walzer an.
Welch' graziöſe Leichtigkeit, welch' decentes Maßhalten! Kein Schritt, keine Bewegung, kein Kopfreigen, das nicht lauten Beifall verdient hätte.
Man fragt ſich: Iſt ſie ein Weib? Nein eine Nymphe, eine Göttin! Vernachläſſigt erkennt die Lady, daß ſie eine Venus am Triumphwagen der Pſyche iſt, ſie ſieht, wie Laroſſe nur an dem Munde der Baronin hängt, ſie, eine Kennerin, weiß nun klar, daß dieſes rückſichtsvolle Benehmen, dieſe Seligkeit im Frauendienſt, wie ihn Pierre ausübt, auf Hoch⸗ achtung, nicht auf Galanterie der Mode baſirt iſt, es unter⸗ liegt keinem Zweifel, er liebt ſie, und mit welcher Hoffnung? fragt ſie ſich.
Ein neues Studium des Paares läßt aus einzelnen
Momenten, aus vorübergehenden Lichtblicken in der Baronin Geſicht, an der Theilnahme, die ſie an Pierre's Unterhaltung nimmt, erkennen, daß ſie ihre Zuneigung zu ihm nicht ver⸗ hüllen kann.
Dem Balle folgt ein Souper, Laroſſe ſitzt an der Baronin Seite; ein brillantes Feuerwerk im Garten ladet die Gäſte dahin ein, Laroſſe, als Derjenige, der, im Hauſe wohnend, das nächſte Anrecht auf dieſes hat, führt die Baronin.
Das Feuerwerk beginnt, die Baronin iſt entzückt über dieſen bunten Glanz.
„Ach, wie leid thut es, wenn ſo etwas endet“, rief ſie aus.
„Ich kenne“, erwiederte Pierre,„ein Feuer, welches ohne zu enden leuchtet und fort und fort neue Farben⸗ pracht zeigt.“
„Von welchem Feuer ſprechen Sie?“ fragt die Baronin unbefangen.
„Von dem, welches Sie entzünden.“
„Was wollen Sie damit ſagen?“ fragt ſie erſchrocken und ſtrengt ſich an, ihm die Hand zu entziehen, die er küſſen will.
„Theuerſte Baronin“, bat der Malek,„hier, wo wir allein ſind, erhören Sie den Mann, der die Feſſeln der Welt getragen hat, der ſie abwirft, ſeit er Sie geſehen; ſtoßen Sie den müden Wanderer nicht von dem Lebensquell zurück, an dem er niederſinkt, um ſich rein zu baden von allen Schlacken; Sie ſind der Lebensquell, erhören Sie meine Liebe.“
Das Wort hörte ſie kaum noch, denn ſie war nach der anderen Richtung des Gartens durch eine Seitenthür ent⸗ flohen.
Pierre lag auf dem Knie noch am Boden, als die Lady mit einem Theil der Geſellſchaft erſchien.
„Eine niedliche Stellung, nur ſchade, daß das Venerabile fehlt.“
Ohne Pierre's Antwort abzuwarten, ſagte ſie zur Geſell⸗ ſchaft gewendet:
„Kommen Sie, die Abendluft feuchtet die Erde, wir könnten uns erkälten.“
Man ging ins Haus zurück.
Pierre erhielt noch Abends einen Beſuch der Lady. Der dort gefaßte Beſchluß ſollte nach einigen Wochen ſeiner Aus⸗ führung entgegenreifen.
Seit jenem Ballfeſte beſtürmten die Baronin täglich zärt⸗ liche Billets. Anfangs las ſie dieſelben, ehe ſie verbrannt wurden, ſpäter, als ſie fand, daß man das Leſen der anderen ſich erſparen könne, ſobald man ein einziges geleſen, wurden die Briefe uneröffnet den Flammen übergeben.
Nur die Briefe der Lady entgingen dem Schickſal, wenn⸗ gleich die Baronin die darin ausgeſprochenen Bitten, die Lady zu beſuchen, und ihr das Ereigniß nicht entgelten zu laſſen, an dem nicht ſie, ſondern der Freundin Schönheit die Schuld trage, nicht erfüllte.
Ein letzter Brief deſſelben Inhaltes ſchloß mit den Worten:
„Iſt auch diesmal meine Bitte fruchtlos, dann werde ich Ihr Haus beſuchen, aber ihre Etage vorbei gehen und, mir Raths zu erholen, hinaufſteigen zu Ihrem bewährten Freunde, dem Notar.“
Dieſem hatte die Baronin den Ausgang des Balles ver⸗ ſchwiegen, er durfte davon nichts erfahren.
Er ſchätzte den Maler, mit dem er, wie ſie wohl wußte, in jüngſter Zeit einen innigen Umgang unterhielt; konnte er nicht ſelbſt deſſen Fürſprecher werden? und was hätte ſie bei der Unklarheit ihres Zuſtandes, in dem ſie ſeit jenem Geſtänd⸗ niß ſchwebte, thun ſollen?
Neigte ſich ihr Herz dem Maler nicht zu? Hatte ſich das Intereſſe, das ſie bei der erſten Begegnung mit ihm empfand, etwa abgeſchwächt? Würde nicht ein beſſer gewählter Ort, e Zeit möglicher Weiſ“ andere Erfolge gehabt aben
Alle dieſe Zweifel und Fragen, welche die Baronin er⸗
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