Die Anſtelligkeit dieſer Afrikaner iſt überhaupt ſehr bemerkenswerth. Man ſieht ſie überall, und überall wiſſen ſie ſich nützlich zu machen. Selbſt die engliſche Miſſionsge⸗ ſellſchaft(die auch überall hin beſſer paßte als auf das Mars⸗ feld) benutzte eine Zeit lang dieſe Schwarzen. Namentlich einer von ihnen mußte, zum Chriſtenthum bekehrt, als gutes Beiſpiel dienen. Man ſteckte ihm die Hände voll mit Tractätchen und ſchickte ihn umher, damit er dieſelben unter die gottloſen Chriſten vertheile, und überall, wo er zu dieſen trat, machte er ſich wichtig mit der Aeußerung: er glaube an Jeſum Chriſtum.
Namentlich bei Sonnenuntergang, wenn der Orient zu feiern pflegt, ſieht man die Drientalen gruppenweiſe auf dem Marsfeld umherſchlendern, und bei dieſer Gelegenheit beob⸗ achtet man denn die intereſſanteſten Coſtüm und Typen. Es ſind ihrer hier von allen Stämmen, von allen Farben, von dem Hlivengelb des Arabers und Berbers bis zu dem Ebenholz⸗ ſchwarz der echteſten afrikaniſchen Raſſe.
Erſichtlich hat die Weltausſtellung uns eine ganze Anzahl dieſer dunklen Fremdlinge nach Europa geſchleppt, die wahr⸗ ſcheinlich großentheils hier bleiben und nachdem ſie an dem luſtigen Treiben des Abendlandes Geſchmack gefunden, in Frankreich irgendwie ihren Unterhalt ſuchen werden. Man ſieht's ihnen an, daß es ihnen bei uns gefällt, daß die Monotonie ihrer Heimat ihnen kaum noch behagen wird. Jedenfalls gelingt es ihnen, ſich während der Ausſtellung ein kleines Kapital zuſammen zu ſparen, mit dem ſie einen Frucht⸗ oder Tabackshandel beginnen und über dem ſie ihre Heimat bald vergeſſen werden.
Auch meinen alten Freund Muſtafa Bajato aus Algier fand ich unter den Kaufleuten, welche die Ausſtellung bezogen, wieder. Wie er ſich ſchon in Algier durch ſein prachtvolles Magazin auszeichnet, ſo iſt er auch hier der Erſte auf dem Rialto und macht gute Geſchäfte. Aber er iſt älter gewor⸗ den, ſeit ich ihn nicht mehr geſehen; er hat ſich eine große
Brille auf die breite Naſe geſetzt und ſpricht von ſeiner Idee, ſich nächſtens von den Geſchäften ganz zurückzuziehen.
Einen grellen Gegenſatz zu den falſchen Türken und Afrikanern, und zu der echten gelben und ſchwarzen Schwefel⸗ bande gewährt der Anblick der ſeit Monaten ſchon hier an⸗ weſenden Scheiks, der afrikaniſchen Häuptlinge, denen man täglich auf dem Marsfelde begegnet und die offenbar zur Verherrlichung deſſelben eingeladen wurden.
Es ſind Prachtexemplare unter ihnen. Der eine iſt eine große, impoſante und muskulöſe Figur. In ſeinen weißen Haik gehüllt, den Kopf mit dem Strick von Kamelgarn um⸗ wunden, den Jatagan im Gürtel, die Füße in dem hohen rothen, vor dem Biß der Natter ſchützenden Stiefeln, ſchreitet er mit der Würde eines Souveräns daher. Sein braunes bärtiges Geſicht verräth Energie, Bewußtſein, Hoheit ſogar.
Neben ihm ſieht man noch zwei andere Häuptlinge, ähnlich coſtümirt, ſtets mit einem Dolmetſcher hinter ſich. Wieder zwei Andere ſpielen die afrikaniſchen Stutzer. Man
ſieht ſie ſtets ſchneeweiß, mit tadelloſen weißen Strümpfen,
in ausgeſchnittenen Schuhen. Sie haben in dieſem Coſtüm etwas Weibiſches und imponiren deshalb nicht.
Achtunggebietend erſcheint auch jener Scheik eines den Franzoſen unterwürfigen Tribus der kleinen Sahara, der mit dem Kreuz der Ehrenlegion auf dem weißen Burnus den Beſuch der Boulevards⸗Kaffeehäuſer nicht verſchmäht, in denen ſich dieſe wilden Herren überhaupt gern niederlaſſen.
In der That iſt er keine unbedeutende Perſon. Er trägt den Rang eines franzöſiſchen Oberſten und iſt Commandant eines Goums von eingebornen Reitern. Er iſt auf Urlaub hier, wird von den Behörden mit der ſeinem Range gebühren⸗ den Achtung behandelt und ſcheint ſich ſeiner Doppelwürde als Scheik und Colonel vollkommen bewußt zu ſein. Nie ſieht man ihn ſich mit den Andern bemengen; er iſt allein, immer allein mit ſich und ſeinem Ehrenkreuz, das nie ſeine Bruſt verläßt. Hans Wachenhuſen.
Im Spreewald.
Die Görlitzer Eiſenbahn erſchließt jetzt eine Gegend, die Vielen vorher nur dem Namen nach bekannt war, und es lohnt ſich wohl der Mühe auf dieſelbe aufmerkſam zu machen, ehe der durch die Eigenthümlichkeit der Sitten und Trachten der dortigen Bevölkerung bedingte Charakter verſchwindet und nur noch der Boden bewundert wird, auf welchem ſich die Reſte der Urbevölkerung eines großen Theiles unſeres Vater⸗ landes bis in die neueſte Zeit gehalten haben. Schreiber dieſer Zeilen, begleitet von einigen Freunden, benutzte die Pfingſtzeit zum Beſuche dieſer Gegend, nämlich des Spree⸗ waldes, um die Trachten der Bewohner deſſelben mit denen der Tauſende von Beſuchern aus Berlin vergleichen zu können, welchen der rettende Engel Stroußberg eine neue Gelegenheit
geboten, ihrer Sucht nach Partien die Zügel ſchießen zu laſſen.
Vorſichtig, theils um dem Gedränge der Extrazügler zu ent⸗ gehen, theils um noch ein Unterkommen in einer mit Wirths⸗ häuſern nicht gerade überfüllten Gegend zu finden, reiſten wir einen Tag früher ab, gelangten nach einer der bierdurſtigen Seelen wegen durch lange Pauſen auf den Stationen Grünaue und Wuſterhauſen unterbrochenen Fahrt am Abend glücklich in Lübbenau an, und quartierten uns ſogleich in dem Hirſch ein, woſelbſt wir— es waren nämlich andere Leute ſo klug geweſen, früher abzureiſen— kaum noch ein Unterkommen fanden. Eine Reiſervute wurde bald vereinbart, und am folgenden Morgen brachte uns unſer Fährmann zunächſt bei Lehde vorbei, einem Dorfe, in welchem ein jedes Haus auf einer kleinen Inſel ſteht, ſo daß faſt aller Verkehr durch Nachen bewerkſtelligt werden muß. Behaglich ſitzt der Touriſt auf ſeinem mit Rücken⸗ und Seitenlehne ausſtaffirten Platze, und gleitet zwiſchen den Wieſen hin, auf denen ſich ein reges Leben entfaltet, während der Fährmann, auf dem Hintertheile des
Kahnes ſtehend, denſelben vorwärts ſtößt. Die Wieſen ſind mit der üppigſten Vegetation verſehen und durch zahlreiche Sumpf⸗ und Waſſervögel belebt. Man begegnet häufig Kähnen, mit einzubringendem Gras beladen, während die Bevölkerung, die ſich in den Wochentagen durch ihre Tracht nicht beſonders von den Landleuten anderer Gegenden unterſcheidet, eifrig bemüht iſt, oft große Laſten auf dem Kopfe tragend und in den weichen Boden bis an die Knie einſinkend, den Ernteſegen der Wieſen in die Kähne zu ſchaffen. Nach und nach traten die ſchönen Waldlinien uns näher, wir gelangten durch ein mit prachtvollen Eichen vermiſchtes Erlen⸗ gebüſch, fanden den Rand des Waſſers geſchmückt mit mäch⸗ tigen Doldengewächſen und in den glühendſten Farben ſtrahlen⸗ den Diſteln, während die Wieſen überſäet waren mit buntem Schmuck von Kukuksblumen, Lichtnelken, mannshohen blühen⸗ den Gräſern, Rainfarren, Ring⸗ und Wucherblumen, mit denen Schafgarben und Tauſendſchönchen im bunten Schmucke abwechſelten, und die großen Blätter des Huflattigs und der Peſtwurz den Uferrand überkleideten und der Hopfen ſich in den Gebüſchen emporſchlängelte. So gelangten wir nach der Polenzſchenke, welche einſam im Walde, umgeben von mächtigen Eichen, erbaut iſt, beobachteten nicht weit davon beim Forſt⸗ hauſe„zur Eiche“ den Fiſchfang der Leute und machten als⸗ dann einen Abſtecher nach der ſchön gelegenen Kano⸗Mühle; überall in unſeren Betrachtungen noch ungetrübt und unge⸗ ſtört durch das reiſende Publikum, nur den Leuten des Spree⸗ waldes begegnend. Weiter ging's auf der Mühlſpree zur Buſchmühle, deren Beſitzer, ein freundlicher, wohlhabender Mann, der durchaus nicht darauf angewieſen iſt, Gäſte zu
beherbergen, uns zuvorkommend aufnahm. Wie bald werden
die anſpruchsvollen Landpartiemacher jene einfache Biederkeit
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