Jahrgang 
1867
Seite
743
Einzelbild herunterladen

Diejenigen, welche pecuniär das Riſico des Gelingens dieſer Weltausſtellung übernahmen, ein koloſſales Geſchäft aus der Sache zu machen befugt ſeien.

In Folge deſſen überſtimmte die Gewinnſucht alle andern Intereſſen, Man ſann darüber nach, was Alles zu verpachten ſein könne, um nur vor allen Dingen eine gewiſſe Einnahme zu ſichern. So kam es, daß man alle vier Elemente auf, in, unter und über dem Marsfelde verpachtete. Erde, Waſſer,

Luft und Feuer, Alles ward vermiethet und monopoliſirt. Man

erfand die undenklichſten Bedürfniſſe, deren Befriedigung einem Einzelnen gegen eine hohe Abgabe garantirt wurde. Das Monopol graſſirte in einer Weiſe auf dem Marsfelde, daß

es jedem der Privilegirten geſtattet war, von den Beſuchern

der Ausſtellung die unerhörteſten Preiſe zu verlangen.

Die kaiſerliche Commiſſion ſchoß aber auch über ihr Ziel hinaus. Sie verpachtete mehr, als ſie verantworten konnte. Die Beſchädigten erhoben alsbald ihre Beſchwerden, ſie ver⸗ langten Entſchädigung für die Tauſende, die ſie der Habſucht

der Commiſſion geopfert für eine Chimäre, für Ausbeutung

von Dingen, die gar nicht vorhanden waren. Die kaiſerliche Commiſſion ward nach und nach in eine unabſehbare Reihe von Proceſſen verwickelt, die ſie ſämmtlich verlor, und heute noch ſchweben deren eine Anzahl, die Alle ebenſo verloren gehen werden.

Was Wunder, wenn die Commiſſion mit ſolchen Grund⸗ ſätzen allem hergelaufenen Geſindel die Thore öffnete. Es entſtand ein Jahrmarkt, voll von lauter werthloſem Plunder, mit dem man das Publikum betrügt, und der wohl auf die Gaſſe, an irgend eine Straßenecke gehört, nimmermehr aber in eine Weltausſtellung.

Und dieſer Plunder hat ſeine Buden namentlich in der orientaliſchen Abtheilung aufgeſchlagen. Unter der Firma des ODrients beſchwindelt man die Gäſte mit dem werthloſeſten Zeug. Der Verkäufer breitet auf kleinen Tiſchen eine Anzahl von blanken Kinkerlitzchen vor ſich aus; ſetzt ſich einen rothen Feß oder einen Turban auf, zieht wohl gar einen beim Trödler gekauften oder in einer Maskengarderobe geliehenen Kaftan über ſeinen ſchäbigen Paletot und haranguirt das Publikum, das ihm in der engen Paſſage nicht aus dem Wege gehen kann.

Dieſe ſchmale Paſſage zwiſchen dem Palaſt und der Galerie der Avenue Suffren, in der ſich Schuſter, billige Reſtaurants und Schnapsläden angeſiedelt, dieſe ſchmale Paſſage iſt die partie honteuse der ganzen Weltausſtellung.

Hier nämlich befinden ſich auch die mauriſchen Kaffee⸗ häuſer, echt vrientaliſch, mit ſchreienden Farben angeſtrichen und mit offenen Galerien verſehen: Aus dem Parterre blickt eine Anzahl gelber Geſichter heraus, dieblühenden Jüng⸗ lingen angehören, wie ſie Mohammed bezeichnete, verſchmitzte Griechen⸗Geſichter mit dem Feß auf dem ſchwarzen Haar. Neben ihnen dienen zwei Mädchen als Lockſpeiſe, von denen keine den Orient je geſehen, aber echt türkiſch und aufgeputzt, aus irgend einem düſtern Faubvurg von Paris für mohammedaniſche Zwecke angeworben.

Unten in dieſem Wirthshauſe wird Kaffee geſchenkt, orientaliſcher Kaffee, der den Cichorien nicht verſchmäht, aber nach türkiſcher Sitte dick wie Erbſenſuppe. Auch der Tſchibuk wird Denen ſervirt, die hier einmal den Türken ſpielen wollen, und deren gibt es genug.

Von Oben herab aber dringt vom Morgen bis zum Abend ein ununterbrochenes Bum⸗bum, begleitet von einigen

unmöglichen Inſtrumenten und einem näſelnden Geſang, der

die Nachbarn verrückt machen kann. Da oben ſpielen die Türken, die Tuneſen, die Araber!

heißt es im Publikum, das ſich in einer Staubwolke durch

die von allen Gerüchen verpeſtete enge Paſſage hindurch drängt, hinaufblickt und dem ewigen Bum⸗bum der Trommel zuhört.

Ja Türken! Deutſche Schelme ſind's, die für ein paar lumpige Franes ſich haben anwerben laſſen, um in vrien taliſchen Coſtümen ihren eigenen Landsleuten unverſtändliche Laute, ein Kauderwelſch vorzuſingen und ſich heimlich ins

743

Fäuſtchen zu lachen, wenn ſie ihre eigenen Landsleute vor ſich daſtehen und ſie als Türken bewundern ſehen.

Drüben, nicht weit davon liegt das Karavanſerai mit einem orientaliſchen Bazar. Hier ſind die eigentlichen, die wahren Orientalen. Mit angeboreuem Phlegma ſitzen ſie in ihren offenen Werkſtätten und arbeiten; ehrliche Handwerker, die redlich ihr Brot verdienen, dabei ſich Geſchichten erzählen und, da die Welt doch vorausſichtlich noch Tauſende von Jahren beſtehen wird, ſich keineswegs in ihrer Arbeit übereilen.

Dicht daneben ſteht der Stall der beiden Renn⸗Kamele. Ihr eigentlicher Stallmeiſter, ſo zu ſagen der afrikaniſche Raimbeaux, iſt ein Schulmeiſter aus Algier, der ganz gut franzöſiſch ſpricht, ſich hier aber gern für einen Tuarek aus⸗ gibt. Hier in der Ausſtellung ſpielt er den Cavalier, den afrikaniſchen Sportsmann; zu Hauſe lehrt er den Jungen das A⸗b⸗c.

Am tollſten treiben es die Afrikaner in dem unglücklichen Theätre international, das ſo pomphaft hergeſtellt wurde und nach den erſten Tagen ſeiner Eröffnung bereits geſchloſſen werden mußte, da die Conceſſionäre und Unternehmer auch dieſes Inſtituts nur Schwindler waren. Herr Rehnier, der Director, mußte ſich bankerot erklären, und das Gericht ver⸗ pachtete das Theater an eine Bande von Afrikanern, die jetzt in demſelben ihre Affentänze aufführen und den Hohn des Publikums als enthuſiaſtiſche Anerkennung ihrer künſtleriſchen Leiſtungen hinnehmen.

Den großen, ſchönen Luſtre, welcher dieſes Theater ſchmückte, haben die Beſitzer fortgetragen, um ihn vor dem Concurs zu flüchten; Alles, was ſonſt das Innere dieſes wirk⸗ lich ſchönen Theaters ſchmückte, iſt verſchwunden, die Fetzen der Tapeten hängen von den feuchten Wänden herab; Todten⸗ geruch durchweht das ganze Haus.

Von Dem aber, was auf der Bühne vorgeht, macht ſich Niemand einen Begriff. Mit rieſigen eiſernen Caſtagnetten in den Händen, ein Geheul ausſtoßend, ſich mit der Grazie eines Nilpferdes bewegend, führen die Schwarzen hier Tänze auf, die gar nicht zu beſchreiben. Namentlich die prima ballerina, eine fette, dicke Schwarze, der bei jedem Tritt der Bauch wackelt, und der erſte Tänzer, den ein Orang-Utang an Tournure übertreffen würde, zeigen uns Leiſtungen, vor deren Schilderung ſich jede Feder ſträubt.

Ein Beſuch auf der Bühne zeigte mir dieſe Naturſöhne, wie ſie hinter den Cuuliſſen ſaßen, Knoblauch ſpeiſten, ihre Pfeifen rauchten. Nur eine hübſche Jüdin ſah ich unter den dunklen Geſichtern, die Andern ſind ſämmtlich Ungeheuer.

Dabei verſtehen dieſe Schwarzen ihr Geſchäft, oder ſind dazu von ihrem Impreſario, einem Franzoſen, abgerichtet. Gegen 7 Uhr durchſtreifen die ſchwarzen Künſtler das Mars⸗ feld mit Theaterzetteln in der Hand, die ſie überall vertheilen. Sie gehen dabei ſehr gewiſſenhaft zu Werke und wiſſen immer eine Anzahl harmloſer Leute durch das viel verheißende Pro⸗ gramm in ihre Vorſtellung zu locken. Indeſſen ſcheint es auch unter ihnen an Taugenichtſen nicht zu fehlen, denen das Geſchäft Nebenſache iſt. Einer derſelben, ein kohlſchwarzer Burſche in rothem Anzug, ſteckte mir neulich einen ganzen Stoß von Programmen in die Hand, da ihm das Vertheilen derſelben zu langweilig war, und lief lachend davon.

Beſcheiden, wie dieſe ſchwarzen Künſtler in ihrer An ſprüchen ſind, iſt wohl anzunehmen, daß ſie auf ihre Koſten kommen. Ich bin überzeugt, daß die erſte Tänzerin dieſer ſchwarzen Bande zufrieden iſt, wenn ſie von ihrem Director täglich eine Hand voll Knoblauch oder einen Napf voll Reis⸗ brei erhält, während Herr Reynier ſeinen erſten Tänzerinnen 2000 Francs monatlich verſprach und zu Grunde gerichtet war, ehe er angefangen hatte.

Bittere Jronie! Reynier's erſte Sänger und Sängerinnen, ſeine Tänzer und Tänzerinnen, ſein ganzes internationales Ballet, haben ſich in alle Länder, in alle Welttheile zerſtreut; er ſelbſt ſitzt im Schuldgefängniß, auf ſeiner Bühne trampeln dieſe ſchwarze Nilpferde herum, und wenn die Ausſtellung zu Ende iſt, werden die Ratten und Mäuſe auf dem unglück⸗ lichen Podium herumtanzen.