Jahrgang 
1867
Seite
742
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Nein, ich weiß es nicht, aber um ſo beſſer.

Um ſo beſſer? Alſo Sie wiſſen nicht, was Sie dort erwartet. Man ſagt, daß die Marſeillaiſer in Toulon unter den Neapolitanern ein Blutbad halten. Und wenn man Sie wirklich einem Urtheilsſpruch unterwirft, wird dies mehr der Form wegen geſchehen und man wird Sie doch zum Tode verurtheilen. Herr Anglade, man muß Sie retten!

Der Brigadier ſprach zum erſten Mal mit mir. Dies plötzliche Intereſſe flößte mir Mistrauen ein, um ſo mehr, da er ſich bei ſolcher Sprache ganz preisgab.

Wenn man nichts auf dem Gewiſſen hat, rettet man ſich nicht, man unterwirft ſich einfach ſeiner Beſtimmung.

Dieſe Antwort dictirte mir eine in dieſem Fall übertrie⸗ bene Vorſicht, aber ſie wurde von Blancard und Donnadieu gebilligt.

Im Lauf des Nachmittags bemerkte ich, daß der Bri⸗ gadiers ſich viel um mich bewegte. Ich dagegen ſtudirte ſeine Phyſiognomie und ſie ſchien mir offen und lohal. Der Mann hatte immer unter dem Kaiſer Napoleon gedient. War es möglich, daß er in zwei Tagen ein fanatiſcher Royaliſt werden konnte? Ich näherte mich ihm offen, um ſeine Ab⸗ ſichten zu ſondiren.

Ah, Herr Anglade, Sie ſich entſchloſſen?

Zu nichts; wir werden unſer Loos ertragen.

Hören Sie, ich habe den Kapitän Oletta geſehen. Auch er räth Ihnen, die Flucht zu ergreifen.

Ah! und wie, wenn ich bitten darf?

Nun, mein Bruder beſitzt ein kleines Fiſcherboot. Heute Nacht wird er uns am Fuß der Wälle erwarten. Sie werden ſich an einem Strick herablaſſen und nach Vescovato begeben, wo der i weilt.

Das iſt ganz einfach; aber die vier Gensdarmen, die uns bewachen?

Seien Sie ohne Sorge; trinken; ſie ſein.

Gern, ſagten Sie?

Gewiß! Jene ſind kaiſerlicher geſinnt als Sie und wünſchen lebhaft Ihre Rettung. Sie wiſſen Alles und nach

ſagte er zu mir,wozu haben

die werden trinken und gern ich verſpreche es Ihnen, vollſtändig trunken ſollen

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einigen Tagen Arreſt werden ſie zum König eilen, dem ſie dienen wollen.

Jetzt konnte ich nicht mehr an der Ehrlichkeit des Bri⸗ gadiers zweifeln.

Aber Sie, mein braver Freund, ſagte ich zu ihm, Sie werden alle Folgen unſerer Flucht tragen!

Auch ich werde nicht zurückbleiben, ich gehe mit Ihnen.

Ich konnte nicht widerſtehen; ich ſchüttelte ihm herzhaft die Hand und er ging, ſeinen Bruder und den Kapitän Oletta zu benachrichtigen. Es wurde mir nicht leicht, meine beiden Gefährten, die ſich ſehr mistrauiſch zeigten, zur Theil⸗ nahme an der Flucht zu überreden.

Um Mitternacht waren wir bereit. Nichts konnte uns aufhalten und die Mitwiſſenſchaft unſerer Wächter ſicherte uns vor jedem Misgeſchick. Der Brigadier ließ uns hinaus. Auf den Wällen angekommen, ließen wir uns an einem Strick hinab, den unſer Retter mitgenommen. Das Boot, welches uns trug, war ſo klein, daß wir uns kaum bewegen konnten, ohne uns dem Umwerfen auszuſetzen. Wir ergriffen die Ruder und fuhren in der Richtung des Golofluſſes.

Um 6 Uhr des Morgens landeten wir in dem ſo lang erſehnten Vescovato. Wir marſchirten fröhlich auf das vor uns liegende Dorf los und erreichten endlich das Haus Murat's. Man meldete uns an. Der König eilte herbei und ſchloß uns haſtig in ſeine Arme.

Meine theuern Freunde, ſagte er,er hat gutgethan, Ihnen die Freiheit wiederzugeben, denn ich habe ihm ge⸗ ſchrieben, daß, wenn binnen 24 Stunden meine Freunde nicht bei mir wären, ich ſie an der Spitze von dreitauſend Mann ſelbſt holen würde.

Die Erklärung dieſer Worte, die wir uns übrigens ſelbſt deuten konnten, war die, daß Murat, ſobald er unſere Ge⸗ fangennehmung erfahren, an den Commandanten von Baſtia geſchrieben hatte, der zugleich Militärgouverneur von Cor⸗ ſica war.

Die Erzählung unſerer Erlebniſſe und i unſerer Flucht amuſirten den König ſehr. Er ließ ſich unſern braven Gensdarm und ſeinen Bruder vorſtellen und dankte ihnen mit warmen Worten für ihre Dienſte.

(Schluß folgt.)

Porier 6er

II. Die afrikaniſche Colonie.

Es gibt auf dem Marsfeld eine Gegend, die ich niemals ohne einigen Widerwillen betrete. Das iſt ein gewiſſer Theil des Promenvirs, der ſich um den Induſtrie⸗Palaſt herum⸗ ziehenden, durch ein breites Wetterdach geſchützten Promenade, auf welche die dieſen Palaſt umzingelnden Reſtaurants aller Nationen ihre Stühle hinausgeſetzt, und auf welcher man ſämmtliche Getränke aller civiliſirten und nicht eiviliſirten Völker vom Thee der Chineſen bis zum baieriſchen Bier ver⸗ treten ſieht.

Ich meine die ſchmale, einem Melonen⸗Schnitt ähnliche, afrikaniſche Abtheilung, die von Rußland, Spanien, Italien und Südamerika umgeben, ihren nationalen Charakter mit einer Unbefangenheit und Rückſichtsloſigkeit zur Schau trägt, wie ſie keine andere Nation ſich geſtattet.

Dank der Nachſicht der kaiſerlichen Commiſſion und der Habſucht, mit welcher ſie Alles conceſſionirt, was ihr ein paar Franken für die Autoriſation zu opfern im Stande iſt, hat ſich auf dieſer Seite und auf dieſem ſpeciellen Punkte der Ausſtellung eine aus allen Nationen rekrutirte Schwefelbande angeſiedelt, welche ſich berechtigt glaubt, durch Schwindel und Betrügerei das ganze Publikum der Weltausſtellung gründlich auszubeuten.

Wer die nordaſiatiſchen und nordafrikaniſchen Küſten bereiſt hat, der kennt die Horde von Taugenichtſen aller Länder, die ſich gleich Aasgeiern namentlich in der Levante und an

ging auch von Anfang an von dem Geſichtspunkt aus, daß

den Küſtenſtrichen des nördlichen Afrika niedergeſchlagen und ausgebreitet hat. Es iſt eine Bande von Strolchen, die Unglück oder gar Verbrechen aus der Heimat verbannt haben. Jedes Gewerbe, das ſie vor dem Hunger ſchützen kann, iſt ihnen recht, jeder Betrug iſt ihnen erlaubt, und die berüchtigtſten unter ihnen, die ſogenannten Malteſer(unter dieſem Namen begreift man überhaupt alles Geſindel, das ſelbſt vor dem Stilet als Handwerkszeug nicht zurückſchreckt), ſind nur allzu oft ihre dienſtfertigen Complicen.

Es ſei fern von mir, zu behaupten, daß ſich auch dieſe ſchlimmſte Sorte in das Marsfeld eingeſchlichen, aber daß dieſe ehrenwerthenGeſchäftsmänner der Levante und Nord⸗ afrikas, die ich oben bezeichnete, die Ausſtellung ebenſo zum Gegenſtande ihrer Speculationen gemacht, wie die pickpockets, die engliſchen Taſchendiebe, das iſt außer allem Zweifel.

Die kaiſerliche Commiſſion iſt bekanntlich die oberſte Behörde eines internationalen Inſtituts, wie es die Welt noch nicht ſo großartig geſehen, der Induſtrie⸗Ausſtellung. Ihre Aufgabe war alſo eine ſehr erhabene, und ſo weit die Ingenieure das Arrangement im Allgemeinen entworfen und ausgeführt, iſt dieſe Aufgabe in anerkennenswerther Weiſe gelöſt worden.

Aber die kaiſerliche Commiſſion hatte nicht allein die moraliſche Seite dieſes immenſen Unternehmens im Auge; ſie