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Caſabianca, welcher Corſica kannte, bemerkte aber, daß der Weg von Maſſinaggio nach Vescovato lang und ſehr ermüdend wäre, während wenn wir bis Baſtia führen, der König nur noch zwei Stunden Wegs bis zu ſeinem Ziele habe. Der König fügte ſich dieſem Vorſchlage und bei Tagesanbruch legten wir Anker bei Baſtia. Es war am 25. Auguſt.
Murat verließ uns, indem er uns empfahl, über ſein Schickſal uns zu beruhigen, und uns verſprach, ſobald wie möglich uns zu benachrichtigen, wo wir ihn fänden. Er war in ſeinen Mantel gehüllt, mit einer ſeidenen Mütze be⸗ deckt, und trug Beinkleider, Kamaſchen und Stiefel wie ein gewöhnlicher Soldat.
In dieſer Verkleidung kam er nach Vescovato. Er ließ ſich in das Haus Franceschetti's führen, der ſich beim Früh⸗ ſtück befand. Murat trat raſch ein und fragte ihn, ſeinen Mantel abwerfend, ob er ein Couvert für ſeinen General habe. Franceschetti ſchrie vor freudiger Ueberraſchung laut auf und warf ſich ihm zu Füßen.
Jetzt, da Murat in Sicherheit iſt, ſei es mir erlaubt, zu erzählen, was mir und meinen Gefährten geſchah, während wir in Baſtia die Ereigniſſe abwarteten.
Nachdem die Paſſagiere und Seeleute an Land geſetzt waren, blieben wir mit Oletta und dem Kapitän allein. Da indeſſen um Mittag noch keine Nachricht kam, verließ auch ich mit Donnadieu und Blancard das Schiff.
Die Ankunft des Königs Murat war ſchon bekannt, denn während wir aßen, hörten wir rufen:„Viva Gioac- chino!“ Als wir nach dem Grund dieſer Ausrufe fragten, ſtellte ſich uns ein Herr vor, der ſich als Polizeicommiſſar legitimirte und im Auftrage des Maire und Commandanten von Baſtia uns einlud, auf die Mairie zu kommen. Wir baten um einige Augenblicke zur Beendigung unſerer Mahl— zeit, die uns ſehr artig bewilligt wurden.
Nach 5 Uhr gingen wir zur Mairie. Zu unſerer großen Verwunderung waren alle Fenſter mit Neugierigen beſetzt und eine große Menge folgte uns ſtillſchweigend. Dies ſchien mir ein ſchlimmes Zeichen, aber ich ahnte keineswegs, was uns erwartete.
Der Saal der Mairie war mit Offizieren und Bürgern angefüllt, und gleich bei unſerm Eintritt wurden wir mit Fragen beſtürmt.
„Haben Sie Murat hergeführt? Was iſt der Zweck ſeiner Ausſchiffung in Corſica? Was machen Sie ſelbſt hier und wer ſind Sie?“
Vor unſerer Landung hatten wir in Vorausſicht der Eventualitäten verabredet, zu ſagen, daß wir Murat nicht kennten, daß wir ſelbſt nur vor den Marſeillaiſer Banden aus Toulon geflohen wären und daß die Perſon, welche man für den Exkönig von Neapel ausgegeben, bald nach unſerer Ankunft verſchwunden wäre.
Kaum hatten wir dies ausgeſagt, als man von allen Seiten rief;„Amazzati gli, amazzati mentiscono!“(Tödtet die Lügner!) und Dolche und Piſtolen unſer Leben ernſtlich bedrohten; aber zum Glück kamen jetzt der Maire und der Commandant.
Sie beruhigten die Wüthenden und verſprachen, die ganze Strenge des Geſetzes anzuwenden, wenn wir des Ver⸗ raths ſchuldig wären. Der Platz vor dem Stadthauſe war mit einer ſehr aufgeregten Menge beſetzt, und erſt nach einer Stunde gelang es den beiden Beamten, einige Ruhe herzu⸗ ſtellen, um unſer Verhör zu beginnen.
Donnadieu kam zuerſt an die Reihe. Er antwortete ganz nach unſerer Verabredung und ſein Verhör dauerte faſt an⸗ derthalb Stunden. Während deſſen waren Blancard und ich in fortwährender Gefahr, von den Fanatikern angegriffen zu werden. Beſonders zeichnete ſich ein Major Galloni aus, der mich ſicher erdolcht hätte, wenn ihn nicht einige Perſonen, die ſeinen Charakter kannten, überwachten. Als Donnadieu uns verließ, hatte er aus Furcht vor einer Durchſuchung die beiden Barvnatsdiplome Blancard übergeben, und als man auch dieſen rief, gab er ſie mir nebſt ſeinen Papieren mit der Bitte, ſie zu vernichten. Ich ſteckte ſie vorſichtig in mei⸗
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Aus dem
nen Hut, aber was ſollte ich damit beginnen? Fenſter werfen konnte ich ſie nicht wegen der Menge, die unter demſelben verſammelt war. Es blieb mir alſo nur ein Mittel übrig, und dies war ſicherlich nicht leicht auszuführen:
ich mußte ſie aufeſſen. Ich fing entſchloſſen an, zerriß ſie in tauſend Stücke, indem ich mich ganz an die Mauer lehnte, und verſchlang ſie nach und nach. Bisweilen wurde ich in dieſer qualvollen und lange dauernden Beſchäftigung durch Galloni und ſeine Freunde geſtört, welche mich beobachteten. Man kann ſich leicht die Anſtrengungen denken, welche ich machen mußte, um zwölf Blatt Papier ohne einen Trunk zu verſchlucken, aufgeregt und erhitzt, wie ich ſchon durch mein ungewiſſes Schickſal war.
Kaum war das letzte Stück Papier verſchwunden, als ich zum Verhör gerufen wurde. Meine beiden Freunde be⸗ fanden ſich noch im Cabinet des Maire. Sie waren ſehr traurig, wahrſcheinlich weil die Exiſtenz der Papiere ſie beſorgt machte; denn ſie konnten ſich gewiß nicht denken, daß ich ſie unter den Augen ſo vieler Feinde vernichtet hätte.
Mein Verhör war daſſelbe wie das meiner Gefährten. Zuletzt fragte man mich, ob ich Papiere beſäße. Ich verneinte die Frage und kehrte meine Taſchen um.„Es iſt gut“, ſagte der Maire,„wir glauben Ihnen.“ Donnadieu und Blancard waren wie verſteinert.
Aus dem Cabinet brachte man uns zuſammen in den großen Saal. Hier ſtanden uns noch ſchreckliche Scenen bevor. Galloni und ein anderer Rädelsführer ſagten dem Maire, daß wir mit Murat nach Corſica gekommen wären, und daß ſie ebenſo wie die Menge draußen zu wiſſen verlangten, wer wir ſeien. Dabei ſtießen ſie die gräßlichſten Drohungen aus, aber der Maire erwiderte ihnen ruhig, daß das Verhör ihn zufrieden geſtellt habe und daß er uns beſchützen und das Land vor einer entehrenden Schandthat bewahren werde.
Erſt gegen 10 Uhr erhielten wir die Freiheit wieder und ſtiegen die große Treppe hinab. Die Halle des Hauſes war mit einer wilden Menge angefüllt, welche uns mit Ziſchen und Pfeifen empfing. Auf einmal wurden die Lichter ausge⸗ löſcht und die Menge, aufgeregt durch Galloni, hatte augen⸗ ſcheinlich die ſchwärzeſten Pläne.
Die Beamten führten uns in den Saal zurück und räumten dann das Stadthaus. Endlich gegen Mitternacht ſtiegen wir wieder hinunter und gelangten ungehindert auf die Straße. Aber bald wurden wir von Neuem angegriffen und umringt, und wären jetzt ſicher nicht mehr entkommen, wenn das Glück uns nicht den Kapitän Oleſſa zuführte. Ihm gelang es mit großer Anſtrengung, uns den Händen der Wüthenden zu entreißen; aber die Menge beharrte bei ihrem Verlangen, uns auf die Wache der Marine zu führen. Dort gab man uns Bier zu trinken, denn wir waren ſchon vor Durſt ermattet, beſonders ich, da ich noch nicht das Ver⸗ gnügen gehabt hatte, die Brevets des Königs von Neapel zu verdauen.
Als ich einen Augenblick an der Thür ſtand, erkannte mich ein Matroſe, Namens Pinelli.
„Wie, Sie ſind hier, Herr Anglade!“ rief er aus, in⸗ dem er mir die Hand reichte.„Wehe denen, die Ihnen ein Leid zufügen wollten! Wiſſen Sie, ich ſtand unter Ihrem Befehl, als wir einen Corſaren enterten, der doppelt ſo ſtark war als wir. Sie haben mir den Abſchied bewirkt und mich meiner Familie wiedergegeben! Seien Sie ohne Sorge, ich werde meine Verwandten herbeiholen und wir werden Sie ſchützen.“
Er hielt ſein Verſprechen, und die Bemühungen ſeiner Partei hatten den Erfolg, daß in kurzer Zeit die benachbarten Straßen menſchenleer und ruhig waren.
Gegen Anbruch des Tages führte uns eine Abtheilung Gensdarmen nach der Citadelle, wo wir ein geräumiges Zimmer erhielten und von einem Brigadier und fünf Gens⸗ darmen bewacht wurden. In der Morgenſtunde trat der Bri⸗ gadier an mich heran und ſagte:
„Herr Anglade, wiſſen Sie, daß Sie morgen nach Toulon abreiſen müſſen?“


